Verschuldungs-Quote: ein Beitrag zur Neuordnung des Bankensystems

Die Bedeutung, die dem Eigenkapital beigemessen wird, beruht auf einer einfachen Logik: Je höher die Eigenkapitalquote, desto unwahrscheinlicher wird eine Externalisierung von Verlusten, wie im Zuge der jüngsten Bankenkrise geschehen. Da die Qualität der Aktiva und das Exposure der Bank einen wesentlichen Einfluss auf die Art und den Umfang von Verlusten haben, berücksichtigt die Beurteilung einer institutsspezifisch adäquaten Eigenkapital- bzw. Verschuldungsquote daher sowohl das Geschäftsmodell als auch die Risikotragfähigkeit der betrachteten Bank.

Der Basler Ausschuss sieht eine pauschale Leverage Ratio von 3% Eigenkapital vor. Inwiefern diese Verschuldungsquote – 3% Eigenkapital entsprechen einer Verschuldung mit dem Faktor 33 – mit anderen Kennziffern harmoniert, ist Gegenstand einer Auswirkungsstudie, die bis September diesen Jahres abgeschlossen werden soll. Bereits Ende Juni 2013 hat der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht ein Konsultationspapier mit Vorschälgen zur Ausgestaltung der Leverage Ratio vorgelegt. Kernpunkt des Papiers ist die Nivellierung von Unterschieden in den Rechnungslegungsnormen US-GAAP und IFRS. Dadurch relativieren sich insbesondere auch die restriktiven Netting-Regeln nach IAS 32, die bei europäischen Banken mit hohen Derivatepositionen zu einer wesentlich höheren Verschuldungsquote führen, wie des bei den US-amerikanischen Peers der Fall ist.

Ein Blick auf die Banken zeigt, dass in den vergangenen 5 Jahren hauptsächlich auf Ebene der regulatorischen Kapitalquote optimiert wurde. Um die Mindestquote von 3% (risikoungewichteter) Kapitalquote zu erfüllen, sind weitere Anstrengungen erforderlich. Freilich weist keine deutsche Bank mehr – wie im Jahr 2008 der Fall – eine Verschuldungsquote von > 70 auf. Aktuell ist aber unter anderem die Deutsche Bank in der Diskussion: Zwar liegt die regulatorische  Tier-1-Kernkapitalquote per 30.12.2012 bei komfortablen 11,4% (ohne Hybridinstrumente), was nicht zuletzt auch eine Auswirkung der nicht Einrechnung von Risiken aus Staatsanleihen ist. Die von der Bank ermittelte Verschuldungsquote liegt auf Basis IFRS aber nach wie vor beim Faktor 37.

07-2013_dbfy2012_leverage_ratio

Damit liegt die Deutsche Bank – auch ohne Berücksichtigung der strengeren Ermittlung nach den Vorschlägen des Basler Ausschusses – über der regulatorischen Quote von 33. Wird anstatt dem ausgewiesenen Eigenkapital das Tier-1-Kernkapital nach aufsichtsrechtlichen Anpassungen verwendet, ändert sich der Verschuldungsfaktor; das Tier-1-Kernkapitals setzt sich wie folgt zusammen: Grundlage dieser Kapitalgröße ist das Stammkapital einschließlich der Kapitalrücklagen, der Gewinnrücklagen sowie sonstiger Ergebnisrücklagen. Abgezogen werden beispielsweise Firmenwerte und andere immateriellen Vermögenswerte. Kapital von Gesellschaften außerhalb der Institutsgruppe ist herauszurechnen. Zudem sind Eigenkapitaleffekte aus einer Veränderung des eigenen Kreditrisikos unter der Fair Value Option auf finanzielle Verbindlichkeiten zu eliminieren. Das so berechnetet Eigenkapital beträgt per 31.12.2012 lediglich 40 Mrd. EUR. Bei identischen (hier bilanzierten) Assets liegt die Verschuldungsquote damit beim Faktor 50. Die 3 Mrd. EUR aus der Kapitalerhöhung Ende April 2013 eingerechnet, beträgt der Hebel 47.

Die Änderungen der Bilanzstruktur, die auf die Deutsche Bank zukommen, sind enorm: Um die Mindestquote von 3% Eigenkapital zu erreichen, ist die Bilanzsumme nach Berechnungen von J.P. Morgen, um 409 Mrd. EUR bzw. 20% zu reduzieren. Große Teile des Abbaus, so Finanzvorstand Stefan Krause im Interview mit der Börsenzeitung, werden neben dem Liquiditätspolster auch das Derivategeschäft betreffen. Ein schneller Positionswechsel bzw. ein aktives (ökonomisches) Hedging im gekannten Umfang wird dann nicht mehr möglich sein. Selbst die aggregierten Zahlen – hier per 31.12.2012 – lassen erahnen, wie notwendig diese Anpassungen sind, aber auch wie tiefgreifend die Konsequenzen für das Geschäftsmodell der Deutschen Bank sein werden: Handelsaktiva in Höhe von 768 Mrd. EUR steht ein ökonomischer Kapitalbedarf aus Marktrisiken (Handelspositionen) von 4,7 Mrd. EUR gegenüber. In Relation zur Bilanzsumme liegt der Anteil der Handelsaktiva bei 38%. Der Anteil des Handelsergebnisses am operativen Ertrag (32 Mrd.) liegt mit 5,5 Mrd. EUR bei 17% vor Aufwendungen.

In der Gesamtschau wird deutlich, dass eine regulatorische Kernkapitalquote von < 20%  nur bedingt geeignet ist,  die angestrebte Neuordnung des europäischen Bankensystems voranzutreiben. Da leistet die Verschuldungsquote einen stärkeren Beitrag. Allerdings gilt auch, dass je enger der Regulierungsteppich geknüpft wird, die Berücksichtigung markt- und produktspezifischer Eigenheiten umso wichtiger wird. So wird eine Bank das Repo-Geschäft mit Blick auf Marge und Verschuldungsquote zwar kritisch sehen. Für den Austausch von kurzfristiger Liquidität ist dieses (besicherte) Refinanzierungsinstrument aber von zentraler Bedeutung für das Finanzsystem. Es ist an der Zeit, diese Abhängigkeiten stärker in den Fokus der Diskussion rund um neue regulatorische Anforderungen einzubringen. Mithin spricht dieser Punkt für eine risikogewichtete Kapitalquote.

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