Asset-Quality-Review: Mythen

Laut BaFin und Bundesbank soll der Asset-Quality-Review  – auch Bilanztest genannt – bis Februar 2014 abgeschlossen sein. Im Anschluss ist ab Mai 2014 die Durchführung des Kapital-Stresstests geplant. Dieser Zeitplan gilt vorbehaltlich der im September geplanten Verabschiedung des Single Supervisory Mechanism (SSM) durch das Europäische Parlament. Zudem kann es aufgrund a) der Komplexität der Bilanz- und Stresstests sowie b) politischen Einflüssen zu Verzögerungen im Zeitplan kommen. Beispielsweise fordert Mario Draghi eine eindeutige Klärung, wer in welcher Form auf einen erkannten Kapitalbedarf reagiert, bevor die Test durchgeführt werden.

Unabhängig vom Zeitplan beeindruckt das Vorhaben an sich; es ist wohl die Komplexität der Sache und der hohe Einsatz der Beteiligten, der zur Mythenbildung beiträgt. Wir greifen drei zentrale Mythen heraus und beleuchten deren Hintergrund. Wie auch immer die Tests ausfallen. Die Durchführung wird einen hohen Aufwand verursachen.

Mythos 1: Auf Basis der Testergebnisse wird das europäische Bankensystem konsolidiert__Die Ergebnisse der Bilanz- und Stresstests werden in hohem Grade politisch motiviert sein. Auf der einen Seite hat die EZB ein grundlegendes Interesse daran strenge Tests durchzuführen, bevor Sie die Aufsichtskompetenz übernimmt: Je geringer der Konsolidierungseffekt für das europäische Finanzsystem aus dem Test ist, desto umfangreicher wird der Bedarf einer Fortführung der expansiven Geldpolitik sein, so Jon Peace (Analyst, Nomura Grou). Eine Fortführung genau dieser Politik liegt auf der anderen Seite aber im Interesse eines Großteils der einzelnen europäischen Staaten. Neben diesem politischen Kalkül ist unter anderem (noch) unklar, inwiefern einzelne Staaten auf bereits durchgeführte Bilanztests verweisen können. Beispielsweise ist die Prudent Regulation Authority (UK) zu dem Ergebnis gekommen, dass ausgerechnet die Lloyds Banking Group PLC und die Royal Bank of Scotland PLC keinen weiteren Kapitalbedarf haben; ein möglicher zusätzlicher Kapitalbedarf würde durch die Thesaurierung von Gewinnen und den Verkauf von Assets nivelliert werden.

Mythos 2: Die Commerzbank wird die Tests bestehen__Erste Spekulationen zur (gestressten) Kapitalausstattung der Commerzbank kursieren bereits. Demnach kommen Analysten auf Basis des Halbjahres-Finanzberichts zu dem Schluss, dass beide Tests mit hoher Wahrscheinlichkeit bestanden werden. Diese Aussage können wir Stand heute argumentativ nicht nachvollziehen. Wir sehen – wie im Beitrag vom 23.6.2013 aufgezeigt – die (wesentliche) Verdoppelung der Risikovorsorge im zweiten Quartal 2013 auf 547 Mio. EUR gegenüber Q1-Werten in Höhe von 267 Mio. EUR, als Indiz dafür, dass die Commerzbank mit Blick auf die kommenden Tests gezielt Maßnahmen ergreift und bisherige Klassifizierungen und Bewertungen von Assets hinterfragt. Dies geschieht sowohl im Kern- als auch im Abbau-Geschäft.

Mythos 3: Die Vereinheitlichung nationaler Regularien ist bereits soweit fortgeschritten, dass ein Vergleich der Ergebnisse möglich ist__Noch ist dies nicht der Fall. Non-Performing-Loans werden nach wie vor unterschiedlich definiert. Auch in Bezug auf die Regeln zur Risikovorsorge besteht noch Handlungsbedarf. So weist Giovanni Sabatini (Head of the Italian Bankers Association) mit Blick auf Spanien darauf hin, dass die italienischen Vorgaben zur Wertberichtigung nach wie vor wesentlich strenger sind: Nach italienischer Berechnung würde der Anteil wertberichtigter Loans an den gesamten Loans spanischer Banken von 8,5% auf 26% steigen. Auch die ESMA betont in einem Statement vom Dezember 2012 die Notwendigkeit einer Angleichung bzw. europaweit konsistenten Anwendung der Wertberichtigungsregeln nach IAS/IFRS. Dass der Spielraum für Ermessensentscheidungen mit der geplanten Einführung der IFRS9 steigen wird, sei hier nur am Rande erwähnt. Zu unserer Einschätzung dieses Teilgebiets der Rechnungslegung siehe auch den Artikel zur Kredit-Risikovorsorge.

Wir werden die weiteren Entwicklungen zum Bilanz- und Stresstest verfolgen. Stand heute wird vor allem deutlich, wie hoch der Einsatz der beteiligten Banken, Aufsichtsbehörden und Staaten ist, und wie sehr die Ausgestaltung der Tests vom politischen Kalkül abhängt. Der Auszug aus einer Rede von Andrea Enria (Chairperson EBA) gibt abschließend Aufschluss über die Bedeutung, die dem Bilanztest von Seiten der Aufsicht beigemessen wird: „We have not seen the same scale of aggressive writedowns and disposal of assets at deep discounts that have characterised other jurisdictions. Provisioning levels and risk weighted assets have not been reflecting the deterioration in the macroeconomic outlook and in the quality of bank assets. There is a raising concern that loan forbearance could disguise inadequate loss recognition. This is adversely affecting the market expectations for a recovery in bank profits and contributes to bank shares being still traded at a significant discount with respect to book values. Asset quality reviews have been conducted in a number of European countries, contributing to restoring market confidence in the effective cleaning of bank balance sheets. The EBA is empowering supervisors with the proper tools to assess the level of both non-performing exposures and forbearance activities on a comparable basis, developing truly harmonised definitions to be applied across the EU. An in-depth balance sheet review will have to accompany the handing over of supervisory responsibilities from the national to the European level. This represents a unique opportunity to complete the process, with an EU-wide asset quality review.“

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