in memoriam: Lehman (1929-2008) und die Schattenbanken

Vor 5 Jahren, am 15. September 2008, beantragt Lehman Brothers Holdings den Insolvenzschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Die Insolvenzmasse beläuft sich auf 639 Mrd. Dollar. An den internationalen Finanzmärkten wird eine Schockwelle ausgelöst. Lehman ist über die Finanzmärkte weltweit vernetzt. Sowohl in den USA wie auch in Europa bricht der Geldmarkt, die kurzfristige Refinanzierungsquelle der Banken, zusammen: Geldmarktfonds, also Teile des Schattenbankensektors, stoppen den Ankauf bspw. von Commercial Papers, die von Banken bzw. Conduits zur Refinanzierung begeben wurden. Notenbanken springen ein und sichern die Refinanzierung der betroffenen Banken, bspw. werden die Anforderungen an Sicherheiten gesenkt.

Bis heute, 5 Jahre später, ist viel passiert. Kritisch sehen wir die nach wie vor unzureichende Regulierung der mit den regulierten Banken vernetzten Schattenbanken. Folgend eine Skizze zum Regulierungsstand zentraler Elemente des europäischen Finanzsystems; die Gefahr liegt im Schattenbankensektor:

Die Finanzmärkte: Es gibt Initiativen, die Transparenz der Derivate und Repo-Märkten zu verbessern. Der Verbriefungsmarkt soll in abgewandelter Form wieder belebt werden, um die Kreditversorgung zu sichern (siehe auch “Schattenbanken”).

Die Banken: Mit den Regelwerken CRR/ CRD IV werden unter anderem höhere Eigenkapitalstandards eingeführt. Um diese zu erfüllen werden Assets veräußert, in Konsequenz stagniert die Kreditvergabe.

Der Wettbewerb: Die EU-Kommission prüft Beihilfeverfahren, mit denen Banken gestützt werden. Solche Unterstützungsmaßnahmen sind an Auflagen zur Restrukturierung gebunden, um potenziellen Wettbewerbsvorteilen gegenzuwirken. Während Banken freiwillig oder durch die EU diktiert ihr Geschäftsmodell bzw. ihre Bilanzen den neuen Anforderungen der Märkte und Regularien anpassen, drängen Versicherungen und Fonds in das Kerngeschäft der Banken, die Kreditvergabe an Unternehmen, vor. Zudem profitieren Schattenbanken davon, dass sich die großen Banken auch aus dem Risiko-Markt mit Hedge Fonds zurückziehen. „Es gibt Geschäfte aufgrund der Kapitalregulierung, denen wir nicht nachgehen können”, so Stefan Krause, Finanzchef der Deutschen Bank.

Die Staaten:  Europäische Staaten nehmen aufgrund der (natürlichen) Verflechtung von Banken mit der makroökonomischen Entwicklung weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die Bonität der Banken. Trotz politischer Anstrengungen und einer expansiven Geldpolitik bleibt die wirtschaftliche Entwicklung vieler Staaten hinter den Erwartungen zurück. Das prägnanteste Beispiel ist Griechenland.

Die Systemgefährdung: Neu ist – neben dem Single Supervisory Mechanism – die Vorgabe einheitlicher Abwicklungsregeln für Banken mit Sitzland im europäischen Währungsraum, um künftige Belastungen des Steuerzahlers aus dem Bail-Out von Banken, die “too big to fail” sind, zu vermeiden. Viele dieser Abwicklungsmechanismen existierten (in Deutschland) bereits in ähnlicher Form. Neu ist insbesondere der Aufbau einer europäischen Abwicklungsbehörde, ausgestattet mit Weisungsrechten gegenüber Mitgliedstaaten. Dies soll eine beschleunigte Abwicklung – im Sinne einer Restrukturierung – ermöglichen.

Die Schattenbanken: „Die regulierende Haltung in den USA und Europa ist eindeutig“, so Roy Smith, Finanzprofessor an der New York University’s School of Buisness und ehemaliger Goldman Sachs Mitarbeiter. Man wolle „das Risiko auf das Schattenbanken-System verlagern“. Die großen Banken werden somit dazu gezwungen, ihr Risikogeschäft auszulagern. Hedge Fonds, so Stefan Krause, würden nach der Krise am meisten von den neuen Regeln „profitieren“. Viele deutet darauf hin, dass die Regulierung von Schattenbanken auch künftig weniger streng sein wird, als die Vorgaben regulierter Banken. In Konsequenz bleibt zum Einen der Wettbewerbsvorteil gegenüber regulierten Banken bestehen. Zum Anderen ist zu erwarten, dass Banken mit neuen Instrumenten oder der (weiteren) Auslagerung von Geschäftsaktivitäten auf den Schattenbankensektor auf die geschwächte Wettbewerbssituation reagieren. Die systemkritische Vernetzung dieser beiden Säulen des Finanzsystems bleibt somit erhalten. Ebenso bleibt die Gefahr idiosynkratischer Krisen, ausgelöst durch Intransparenz bzw. Vertrauensverluste und daraus resultierenden Liquiditätsverwerfungen im Schattenbankensektor.

Es ist kaum möglich, die Gesamtheit der Regulierungsmaßnahmen zu überblicken und die inhärenten Anreizmechanismen zu identifizieren. Genau diese werden aber die Ursache künftiger Krisen sein; der zunehmende Eintritt von Schattenbanken in die Kernmärkte regulierter Banken ist da sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Gibt es Alternativen zu dieser – in Teilen sicherlich notwendigen und überfälligen – Regulierungswut des regulierten Bankensektors? Wir glauben, dass Bankensysteme, die sich in der Krise als stabil erwiesen haben, ein gutes Vorbild abgeben – als wesentliche Stützen seien hier die Einlagensicherung, der verbundsinterne Liquiditätsaustausch und Haftungsfonds sowie die Transparenz des Geschäftsmodells genannt. Ja richtig – all das sind auch Themen der Regulierung auf europäischer Ebene. Es wird aber verkannt, dass das europäische Finanzsystem – bspw. durch die Schattenbanken – wesentlich komplexer ist, als nationale Teil-Systeme. Fünf Jahre nach Lehman kommen wir zu der Einschätzung: lessons not yet learned. Aber: Ein erster kleiner Schritt wurde im September 2013 gemacht: “We have regulated banks and markets comprehensively. We now need to address the risks posed by the shadow banking system”, so der Binnenmarktkommissar Barnier.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: