AQR: zur Entwicklung des europäischen Finanzsystems 2.0

Ziel der folgenden Ausführungen ist die Einordnung der AQR in die Entwicklung des künftigen europäischen Bankaufsichtsregimes der EZB. Zu Fragen und vertiefenden Diskussionspunkten,  auch in Bezug auf Stresstesting-Anforderungen, kontaktieren sie uns gerne unter bankenanalyse@gmx.de.

Die europäische Bankenregulierung wird zunehmend US-amerikanischer: Wesentliche Schritte wie ein europaweit einheitliches Regelbuch sowie der europäische Aufsichts- und Abwicklungsmechanismus sind konzeptionell ausgearbeitet und befinden sich in der Umsetzungsphase. Das ist gut. Aber es handelt sich nur um erste Schritte. Die entscheidenden Maßnahmen, um das Ziel der G20, die Stärkung der Finanzstabilität tatsächlich zu erreichen, stehen noch aus. Ein wesentlicher Teilbereich dieser noch offenen Punkte wird die Verzahnung und Konsistenz von bankaufsichtlichen und rechnungslegungsspezifischen Daten sein als Voraussetzung einer integrierten (externalisierten) Offenlegung und (internalisierten) Steuerung der Banken.

Das hat einen guten Grund: Kapital- und Liquiditätspuffer halten was sie versprechen nur dann, wenn Dritte die Möglicheit haben mögliche Konsequenzen mikro- und makroprudenzieller Schocks zu beurteilen, also die relative Qualität der Puffer in Abhängigkeit des Geschäftsmodells und der spezifischen Bankrisiken zu verstehen. In Bezug auf die Entwicklung eines am Ziel der G20 ausgerichteten supra-nationalen bzw. europäischen Finanzsystems sind künftig drei wesentliche Bausteine zu entwickeln und zu implementieren:

1) detaillierte Transparenz der Banken gegenüber Aufsichtsbehörden als Voraussetzung einer makroprudenziell integrierten Steuerung von Finanzsystemen und einer mikroprudenziellen Überwachung einzelner Banken;

2) integrierte Prognose, Stresstesting und Szenarioanalyse im Rahmen der Gesamtbanksteuerung einzelner Banken als Voraussetzung zielgerichteter Managemententscheidungen in einer Welt komplexer Abhängigkeiten;

3) Transparenz von Kerninformationen gegenüber Marktteilnehmern als Voraussetzung liquider (Teil-)Märkte auch im Krisenfall – mithin eine der Basis-Annahmen des bankaufsichtlichen Regelwerks.

Sehen wir uns die einzelnen Punkte näher an:

Detaillierte Transparenz der Banken gegenüber Aufsichtsbehörden: Frau Lautenschläger weist in ihrer Rede vom 6. November auf die Bedeutung der makroprudenziellen Aufsicht hin: “Die makroprudenzielle Überwachung soll Entwicklungen, die das Finanzsystem gefährden können, frühzeitig identifizieren und bewerten”. Der Weg dorthin ist noch weit. Auf die Bedeutung des Schattenbankensektors, der mittlerweile geschätzt 25% des globalen Finanzsystems ausmacht, sei hier nur am Rande hingewiesen. Entscheidend für die Zielerreichung wird sein, auch von diesem Sektor adäquate (markt-)aufsichtliche Transparenz einzufordern. Ein ebenso bedeutender weiterer Baustein ist das aufsichtliche Stresstesting. Hier sind die europäischen Aufsichtsbehörden auf einem guten Weg, genauer: auf einem Weg nach US-amerikanischem Vorbild: US-Bank-Holdings (BHC) führen (quartalsweise) eine sogenannte Comprehensive Capital Analysis and Review (CCAR) durch. Der Stresstest ist dynamisch und umfasst mehrere zukunftsorientierte Szenarien, um Bilanz-, GuV-, Kapital-, Liquiditätsdaten zu prognostizieren. Neben den Stress- und Prognoseergebnissen übermitteln die Banken weitere granulare Daten an die FED. Diese nutzt die Daten, um eigene Analysen auf systemischer und instituts-individueller Ebene durchzuführen. Zudem werden die Prognosen der Banken kritisch beurteilt. Dass die USA hier weiter sind als die europäischen Aufsichtsbehörden zeigt der Rückblick: Bereits im Jahr 2009 hat die FED das sogenanntes Supervisory Capital Assessment Programme (SCAP) aufgesetzt. Das Pendant auf europäischer Seite waren die in den Jahren 2010-2011 vom Committee of European Banking Supervisors (CEBS) durchgeführten Stresstest. Letztere wurden (zurecht) heftig kritisiert: In den USA wurde bei 19 untersuchten Banken eine Kapitallücke von 75 Mrd. US-$ festgestellt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. In Europa wurden 91 Banken geprüft. Die identifizierte Kapitallücke belief sich auf 3,5 Mrd. US-$; kritische Stimmen verweisen seitdem auf „Zombiebanken“. Mit der aktuell in Europa gestarteten AQR und dem anschließenden Kapital-Stresstest werden erstmals auch von europäischen Banken Grundelemente des US-amerikanischen CCAR eingefordert. Künftig wird eine solche detaillierte Analyse auch in Europa regelmäßig im Rahmen des Supervisory Reportings zu erfüllen sein. Vorboten dieser Entwicklung sind beispielsweise die britische und spanische Aufsicht, die dieses Richtung bereits auf nationaler Ebene eingeschlagen haben.

Integrierte Prognose, Stresstesting und Szenarioanalyse im Rahmen der Gesamtbanksteuerung: Die aufsichtlichen Transparenz- und Stresstest-Anforderungen wirken sich unmittelbar auf die Gesamtbanksteuerung der Banken aus. Künftig werden wesentlich höhere Anforderungen an die Qualität und Datenintegrität von Planung, Prognosen und Stresstest gestellt. Ein Teilaspekt dieses Baukastens wurden beispielsweise durch das BCBS-Paper no. 239 (Risk Aggregation and Risk Segregation) adressiert.

Transparenz von Kerninformationen gegenüber Marktteilnehmern: Der Rückblick auf die unmittelbare Post-Lehman-Phase zeigt, dass das Marktversagen zu wesentlichen Teilen der Intransparenz bankindividueller Risiken und Stress-Stabilität geschuldet war. Zudem lassen die Ergebnisse von Studien den (logischen) Schluss zu, dass die Ergebnisse bankindividueller Stresstests eine wesentliche entscheidungsrelevante Information am Markt darstellen. Die Frage, welcher „Informations-Korb“ künftig offenzulegen ist, ist allerdings noch nicht beantwortet. Tatsächlich stehen wir hier erst am Anfang: Offen ist insbesondere die Eingangsfrage nach der Rolle bzw. Verzahnung informationsrelevanter bankaufsichtlicher und rechnungslegungsspezifischer Daten. Hierzu werden erste Schlachten bereits ausgetragen. So fordert das Bankenaufsichtsrecht beispielsweise zusätzliche Abschläge (AVA) vom handelsrechtlichen Fair-Value. Für den IASB ist dies ein Tritt in die Weichteile, bildet die FV-Konzeption doch das Kernstück entscheidungsrelevanter Information im Sinne des Rechnungslegungs-Boards.

Die skizzierten Enwicklungen lassen sich wie folgt einordnen: Europa hat mit den eingangs genannten und ab dem 1.1.2015 implementierten Bausteinen – der Single Resolution Mechanism wird als letzter Baustein aktiv geschalten – unabdingbare Voraussetzungen für eine Stärkung der Finanzstabilität geschaffen. Versteht man diese Voraussetzungen als Fundament des neuen europäischen Finanzsystems, dann handelt es sich bei der AQR um die Außenmauern. Diese werden parallel zur Implementierung des Single Supervisory Mechanism (provisorisch) hochgezogen. Der Aufbau der tragenden Innenwände sowie die Innenarchitektur, also einer leistungsfähigen Prognose- und Stresstestinfrastruktur ist sowohl auf Ebene der europäischen Aufsicht als auch auf Ebene einzelner Banken noch zu leisten. Erst wenn diese Voraussetzungen vorliegen, kann eine adäquate Markttransparenz, sozusagen als Dach und als wesentlicher weiterer Baustein, abschließend implementiert werden.

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