Serie „regulatorische Mythen“: Leverage-Ratio und tatsächlicher Handlungsbedarf

Mythos Leverage-Ratio: Die Leverage-Ratio erlaubt einen Rückschluss auf die Bonität der Bank bzw. den Risikogehalt des Geschäftsmodells.

Die regulatorische Entwicklung nach der Bankenkrise 2008/2009 trägt in Teilen zur Mythen-Bildung bei. Diskutiert wird beispielsweise, die komplexen risikosensitiven Ansätze zur Bestimmung des Mindestkapitals durch die konzeptionell einfachere Leverage-Ratio an die Kette zu legen: Um den diskretionären Spielraum bei der Bestimmung des risikosensitiven Mindestkapitals einzuschränken, soll mit der Leverage-Ratio eine klar definierte, nicht-risikosensitive Kennzahl vorgegeben werden. Damit wird auch unterstellt, dass die Leverage-Ratio einen Rückschluss auf die Bonität der Bank erlaubt.

Wo liegt der Ursprung dieses Mythos? Zwei wesentliche Faktoren sind zu unterscheiden:

  1. Marktstudien weisen einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Leverage-Ratio und den im Zuge der Bankenkrise insolventen Banken nach.
  2. Die risikosensitive Ermittlung des Mindestkapitals bietet Banken einen hohen diskretionären Spielraum, den diese zur Reduktion der Eigenkapitalanforderungen nutzen.

Gehen wir diesen Faktoren auf den Grund:

@1: Richtig ist, dass Banken mit einer geringeren Leverage Ratio überproportional von den Auswirkungen der Bankenkrise betroffen waren. Tatsächlich wird dieser Zusammenhang aber nicht durch den Verschuldungsgrad bzw. durch die Leverage-Ratio erklärt, sondern durch die Risikoaffinität des jeweiligen Geschäftsmodells: Beispielsweise hat die European Banking Authority (EBA) festgestellt, dass die häufig angeführten negativen Wechselwirkungen zwischen den Liquiditäts- und Eigenkapitalanforderungen faktisch nicht bestätigt werden können; im Gegenteil weisen gut kapitalisierte Banken in der Regel auch eine bessere LCR auf.

@2: Richtig ist, dass die Höhe der risikogewichteten Positionswerte, welche die Banken bei Nutzung der risikosensitiven Ansätze zur Ermittlung des aufsichtsrechtlichen Mindestkapitals ermitteln, in den vergangenen Jahren sukzessive abgenommen hat. Das liegt aber weniger an diskretionären Spielräumen, als an der Kalibrierung dieser Ansätze. Kevin Nixon (SenSe and SenSitivity -The leverage ratio: risk-neutral, yet risky) stellt fest: „Further, the use of internal models has seen a great deal of commentary regarding banks “using black boxes”, “gaming the system” or “determining their own capital levels”. Some of these criticisms are just ill-informed. No bank is allowed to “determine its own capital level”: internal models are constrained by well-developed regulatory requirements and methodological literature. Further, bank internal models are only implemented after a thorough supervisory approval process, and their continued use predicated on regular supervisory assessment and validation. None of the official analyses of variations of bank capital conducted by the Basel Committee and the European Banking Authority has found any significant “gaming” of the system.“

Wie stellt sich der Sachverhalt fünf Jahre nach Lehmann dar?

Greifen wir die oben angesprochene Problematik zu risikoaffiner Geschäftsmodelle auf: Das bis zur Bankenkrise populäre außerbilanzielle Kreditersatzgeschäft wurde wesentlich reduziert. Die Banken passen ihre Geschäftsmodelle parallel zu den regulatorischen Entwicklungen den neuen Gegebenheiten an. Deutlich wird dies am Abbau von Aktiva, vor allem auch der Risikoaktiva sowie Änderungen der Aktiv-Passiv-Struktur. Gleichzeitig wird die Verlustabsorptionsfähigkeit des Kapitals verbessert. Zwei Faktoren haben diese Entwicklung befeuert: Zum Einen die neuen regulatorischen Anforderungen, unter anderem optimierte Eigenkapital- und Risikomanagementanforderungen. Zum Anderen leistet das veränderte Risikobewusstsein der Investoren und die daraus resultierenden Markt- und Preisentwicklungen einen wesentlichen Beitrag.

Welchen Zweck kann eine Leverage-Ratio-Quote in dieser neuen CRR-/CRDIV-Welt erfüllen? Als markt- und steuerungsrelevante Größe ist die Leverage-Ratio gänzlich ungeeignet. Das Risiko- und Kapitalprofil einer Bank wird durch diese Kennzahl nicht beeinfluss. Frau Lautenschläger zeigt  den Kern des Mythos auf: “The Leverage Ratio punishes low-risk business models, and it favours high-risk businesses, encouraging banks to engage in more risk-taking, for example. This is the world of Basel I, which was relatively indifferent towards credit risk. Let’s not forget that a decade ago, the Basel II framework was developed as a response to the Basel I rules of 1988.” Bonitätsrisiken können nicht durch pauschale nicht-risikosensitive Kennzahlen gesteuert werden, weder auf Ebene der Aufsicht, noch auf Ebene der Banken. Vereinfachungswünsche haben ihre Grenzen dort, wo Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge fehlerhaft abgebildet werden. Genau das ist, wie oben aufgezeigt, bei der Leverage-Ratio der Fall.

Welcher Handlungsbedarf liegt tatsächlich vor? Zwar ist die Leverage-Ratio nicht als Risikomaß geeignet. Richtig ist aber, dass die Qualität der Offenlegung von Risiken zu verbessern ist: Die unzureichende (Markt-)Transparenz hatte – in Verbindung mit zu wenig Kapital und zu risikoaffinen Geschäftsmodellen – wesentlichen Einfluss auf das Ausmaß der Bankenkrise. Das ist bekannt. Im Auftrag des Financial Stability Board (FSB) hat eine Task-Force erste Empfehlungen zur Offenlegung von Risiken erarbeitet. Zudem hat die EBA am 24.10.2013 ein Konsultationspapier veröffentlicht. Diskutiert werden Ansätze zur Offenlegung der Leverage-Ratio (EBA/CP/2013/41). Wir lassen diesen Entwurf zunächst unkommentiert, da der aufsichtsrechtliche Regulierungs-Bereich „Offenlegung“ noch zu wenig konkretisiert ist. Entscheidend wird sein, dass der Regulator künftig nicht nur die rechnungslegungsspezifische Offenlegung kritisiert und ergänzende Informationen vorschreibt. Vielmehr gilt es, die Reaktionen und Informations-Anforderungen der Märkte zu validieren, um eine konsistente Offenlegung entscheidungsrelevanter Informationen sicherzustellen. Das US-amerikanische SEC-Recht kann hier Vorbild sein, wie Matthias Maucher am Beispiel der Lageberichterstattung aufzeigt.

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