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Bank Supervisory

Eine offene Fragestellung des kommenden Bilanztests bzw. des Asset Quality Review war die Definition von notleidenden Krediten (non performing loans) und Stundungsvereinbarungen (forbearance). Gestern, am 21.10.2013 hat die European Banking Authority (EBA) den finalen ITS-Standard zu diesem Thema veröffentlicht. Die dort konkretisierten Definitionen und zugehörigen Templates dienen dem übergeordneten Ziel einer einheitlichen europäischen Regulierung. Ab 31.12.2014 sollen die Banken entsprechende Daten im Rahmen des aufsichtsrechtlichen Financial Reportings (FinRep) regelmäßig an die Aufsicht melden. Dass diesen Vorgaben bereits heute eine zentrale Bedeutung zukommt, liegt an dem Bilanztest der EZB: Die Definitionen bilden auch die Basis für die Datenanalyse im Rahmen des sogenannten Asset Quality Review, den die EZB vor Übernahme ihrer Funktion als europäische Bankenaufsicht durchführt – so die Empfehlung der EBA.

Als notleidend werden Kredite, Schuldscheindarlehen und verzinsliche Wertpapiere kategorisiert, die Zahlungsprobleme mit > 90 Verzugstagen aufweisen oder bei denen eine Rückzahlung höchst unwahrscheinlich ist. Damit umfasst die Definition sowohl das Default-Konzept der CRR wie auch das Impairment-Konzept der internationalen Rechnungslegung (IFRS). Stundungsvereinbarungen liegen nach dem EBA-Standard dann vor, wenn die Bank dem Schuldner einen Teil oder den gesamten Teil der Forderung erlässt. Dabei kann es sich bei Stundungsvereinbarungen sowohl um performing als auch um non-performing loans (notleidende Kredite) handeln.

Entscheidend ist, dass mit den jetzt vorliegenden Definitionen ein zwar weicher, aber zumindest formal einheitlicher Trigger vorliegt, ab dem ein Engagement als notleidend gilt. Dies ist insofern wichtig, als nationale Rechtskreise hier unterschiedliche Definitionen angewendet haben. Zwar wurden diese Unterschiede durch die Vorgaben der CRR teilweise nivelliert. Nationale Spielräume blieben aber bestehen. Damit war auch der Trigger, ab dem Banken (notleidende) Engagements mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen, unterschiedlich ausgeprägt. Mit der Vorgabe einer einheitlichen Definition verbessert die EBA die Vergleichbarkeit der Asset Quality europäischer Banken.

Non-Performing-Loans (NPL) werden unterschiedlich definiert. Da es sich dabei um eine in der aufsichtlichen Steuerung des Bankensystems wesentliche Größe handelt, ist das ein Problem. In Bezug auf Fragen, bspw. zur operativen Steuerung des Kreditrisikos im Rahmen der individuellen Gesamtbanksteuerung, zu Maßnahmen auf Basis der in Q4/2013 kommenden Asset-Quality-Review (AQR) oder zur Fortsetzung der Niedrigzinspolitik wird das Problem zum Risiko.

Aber wie so oft ist zu differenzieren: Grundsätzlich – auf Ebene der einzelnen Bank – ist die Definition in engem Zusammenhang mit den Kreditprozessen vorzunehmen. Dabei ist es unbestritten, dass auf übergeordneter Ebene eine einheitliche Definition etabliert werden sollte. Problematisch ist allerdings, dass der von der EBA im Konsultationspapier vorgeschlagene Ansatz nicht nur von bilanzrechtlichen, sondern teilweise auch von den bekannten aufsichtsrechtlichen Definitionen und den Vorgaben der CRR abweicht.

Blicken wir zurück: Bereits im März 2013 hat die EBA ein Konsultationspapier veröffentlicht. Ziel ist es, die Definitionen von Performing- und Non-Performing-Loans EU-weit zu vereinheitlichen. Der finale Standard wird noch in Q3/2013 erwartet. Damit – so die politische Meinung – würde ein wesentlicher Baustein konkretisiert, um den Single-Supervisory-Mechanism (SSM) zu operationalisieren. Wir sehen dies kritisch und schließen uns aufgrund der genannten Risiken der Stellungnahme des BSG zum Konsultationspapier der EBA an. Folgend ein Auszug aus der Stellungnahme, der die offenen Fragestellungen beispielhaft verdeutlicht:

“The definitions in the CRR might be different (notion of unlikeliness to pay) from the one in the accounting standards (under IAS 39 an financial asset or a group of financial assets are considered as incurred if there is a loss event (events occurring after initial recognition) which has an impact on the estimated future cash flows of the instrument (cf IAS 39.59). However, EBA proposes a new definition with some rules, without clearly defining a principle nor the aims pursued through the rules introduced. The introduction of these new rules in the definition raises some operational complexity and they are not aligned with the European regulation. As an example, entities current thresholds are between 90 and 180 days for considering an exposure as in default. We understand the aim of common thresholds of 90 days which seems conservative, but Article 174 (1) b) ensures the option for the competent authorities that in case of IRB banks they could replace the 90 days by 180 days for exposures secured by residential or SME commercial real estate in the retail exposure class, as well as exposures to public sector entities (PSEs). In order to do so, we think it is important to refer to ESMA Public Statement – Treatment of Forbearance Practices in IFRS Financial Statements of Financial Institutions (ESMA 2012/853) published on December 20th 2012 that defines forbearance as follows: “forbearance measures occur in situations in which the borrower is considered to be unable to meet the terms and conditions of the contract due to financial difficulties. Based on these difficulties, the issuer decides to modify the terms and conditions of the contract to allow the borrower sufficient ability to service the debt or refinance the contract, either totally or partially.” ESMA completes the definition with examples, which illustrate the definition in a more comprehensive way. Furthermore, ESMA is clear that a forbearance (restructuring for financial difficulty) does not systematically give rise to an impairment loss.

Das Thema “einheitliche Definitionen” bildet unseres Erachtens den Kern europäischer Harmonisierungsbestrebungen. Den aktuellen Ansatz der EBA werten wir als kontraproduktiv.  Da die Konsultationsfrist im Juni abgelaufen war, raten wir den Banken dringend, die finale Version des EBA-Standards kritisch zu prüfen und ggf. konzertiert eine Änderung einzufordern. Bis ein harmonisierter finaler EBA-Standard vorliegt, empfehlen wir – mit Blick auf die AQR – eine Anlehnung an die Arbeiten der ESMA vom Dezember 2012 zu suchen.

Die EU-Kommission hat eine weitere Krisenmitteilung veröffentlicht: “Über die Anwendung der Vorschriften für staatliche Beihilfen ab dem 1. August 2013 auf Maßnahmen zur Stützung von Banken im Kontext der Finanzkrise (Bankenmitteilung)”. Darin wird zwischen Umstrukturierungsbeihilfen und Abwickungsbeihilfen unterschieden. Es werden Rollen und Pflichten definiert, die im Falle einer Kapitallücke von den betroffenen Banken und nationalen Aufsichtsbehörden einzuhalten sind.

Im Wesentlichen wird klargestellt, dass eine staatliche Beihilfe erst dann – unter bestimmten Voraussetzungen – genehmigt werden kann, wenn “Eigenkapital, Hybridkapital und nachrangige Schuldtitel vollumfänglich zum Ausgleich der Verluste eingesetzt worden sind (Tz. 44).

Als “Kapitallücke” – auch mit Blick auf das Comprehensive Assessment (AQR und Kapital-Stresstest) relevant – wird ein Kapitalbedarf bezeichnet, “der im Rahmen einer Kapitalbedarfserhebung, eines Stresstests, einer Überprüfung der Qualität der Bankenaktiva  (…) festgestellt und gegebenenfalls von der zuständigen Aufsichtsbehörde  bestätigt wurde”.

Folgend ein Auszug aus der Mitteilung: Für eine nach Umsetzung des Kapitalbeschaffungsplans verbleibende Kapitallücke, die mittels einer staatlichen Beihilfe gedeckt werden soll, muss ein Umstrukturierungsplan vorgelegt werden (Tz. 30). Staatliche Beihilfen dürfen erst dann gewährt werden, wenn Eigenkapital, Hybridkapital und nachrangige Schuldtitel vollumfänglich zum Ausgleich der Verluste eingesetzt worden sind (Tz. 44). Die Kommission erkennt an, dass es aufgrund der Besonderheiten von Kreditinstituten und in Ermangelung von Mechanismen, die die Abwicklung von Kreditinstituten ohne eine Gefährdung der Finanzstabilität ermöglichen, unter Umständen nicht möglich ist, ein Kreditinstitut im Rahmen eines geordneten Insolvenzverfahrens abzuwickeln. Aus diesem Grund könnten staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der Abwicklung insolventer Kreditinstitute als mit dem Binnenmarkt vereinbare Beihilfe erachtet werden, sofern die unter Randnummer 44 dargelegten Voraussetzung erfüllt ist (Tz. 66). Das Ziel der geordneten Abwicklung muss darin bestehen, dass das insolvente Kreditinstituts innerhalb eines besimmten Zeitraums seine Geschäftstätigkeit einstellt. Dies bedeutet, dass kein Neugeschäft mit Dritten aufgenommen werden darf (Tz. 67).

Deutsche Kreditinstitute sind aufgefordert, der BaFin bis zum 31.12.2013 Sanierungspläne vorzulegen. Abwicklungspläne werden von der BaFin in Abstimmung mit den Banken erstellt.

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“Krisenmitteilungen” definieren das koordinierte Vorgehen zur Unterstützung des Finanzsektors mit dem Ziel, für Finanzstabilität zu sorgen und gleichzeitig Wettbewerbsverzerrungen im Binnenmarkt zwischen den Banken in den Mitgliedstaaten so gering wie möglich zu halten. 

Die von den Aufsichtsbehörden geplante Comprehensive Assessment setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Einem Bilanztest inkl. einer Asset Quality Review sowie einem darauf aufbauenden Stresstest. In Frage steht, nach welcher Methode die Analyse vorgenommen wird.

Die Methodik des Bilanztests 2013/2014 ist aktuell noch in Abstimmung zwischen der Aufsicht, Wirtschaftsprüfern und den beteiligten Banken. Bekannt ist aber bereits eine mögliche Ausprägung des Tests, da in der Vergangenheit bereits Comprehensive Assessments durchgeführt wurden. Ein prominentes Beispiel ist die im Jahr 2012 von dem Beratungsunternehmen Oliver Wymann (OW) im Auftrag der Spanischen Notenbank durchgeführten Analyse. Wir nehmen keine Beurteilung dieses Tests oder der zugrunde liegenden Annahmen vor. Vielmehr nutzen wir diese Daten, um eine der Methoden, nach der auch der kommende EU-weite Bilanztests 2013/2014 durchgeführt werden könnte, zu skizzieren.

Im ersten Teil des Comprehensive Assessments zielt die Spanische Notenbank auf die Neubewertung von Assets ausgewählter Portfolien. Im Zuge dieser Neubewertung werden bankspezifische Einschätzungen korrigiert. Es wird eine standardisierte Schätzung künftiger Verluste vorgenommen; dabei werden drei Module unterschieden:

  1. Abwicklungsfälle aufgrund ausgefallener Schuldner
  2. Laufende Engagements (performing loans)
  3. Notleidende Kredite (non-performing loans: wertberichtigte Kredite und in Zahlungsverzug geratene Kredite; Definition BaFin)

Um die (standardisierten) künftigen Verluste zu ermitteln, werden Änderungen bei den drei Komponenten PD (probability of default), LGD (loss given default) und EaD (exposure at default) vorgenommen. Die zugehörigen Bearbeitungsschritte gelten sowohl für laufende Engagements wie auch für notleidende Kredite. Bei Letzteren wurde in Bezug auf eine mögliche Gesundung zusätzlich konservativere Annahmen zugrunde gelegt, als von den Banken ursprünglich angenommen.

Im Folgenden werden die Bearbeitungsschritte für das Modul laufende Engagements skizziert:

Standardisierung der PD: Für jedes der sechs analysierten Portfolien (corporates, retail mortgages ect.) wurde ein Ratingmodell entworfen, um die bankspezifischen Daten einzuwerten. Um gleichzeitig bankspezifische Besonderheiten bzw. Risikofaktoren zu berücksichtigen, werden die PD’s entsprechend angepasst. Grundlage hierfür sind Daten, die von Wirtschaftsprüfern bereitgestellt werden. In einem weiteren Bearbeitungsschritt werden die PD’s auf ein standardisiertes makroökonomisches Szenario in der Ausprägung “base case” und “adverse scenario” gemappt.

Standardisierung der LGD: Auf Basis der makroökonomischen Szenarien bzw. der daraus abgeleiteten PD’s wird der LGD adjustiert; im Fall spanischer Banken stieg der LGD.

Standardisierung des EaD: Bei der Ermittlung des EaD werden unter anderem Tilgungsprofile, vorzeitige Rückzahlungen sowie mögliche neue Kreditengagements berücksichtigt.

Ausgehend von den Ergebnissen des Bilanztests ermittelt die Spanische Notenbank in einem zweiten Schritt, ob einzelne Banken eine Kapitallücke aufweisen. Hierzu werden die künftigen Verluste der künftigen Verlustabsorptionsmasse (u.a. Eigenkapital) gegenübergestellt.

Mit Blick auf das EU-weite Comprehensive Assessment wird deutlich: Der Umfang in dem Banken sensible Daten zur Verfügung stellen müssen, ist enorm. Diese Daten sind zu validieren, zu verarbeiten und auszuwerten. Um eine adäquate Qualität der Analysen sicherzustellen, stehen die Beteiligten, insbesondere die EU-Aufsichtsbehörden, vor weiteren Herausforderungen: Zum Einen gilt es eine Vielzahl von Detailfragen zu klären, bspw. zu der Methode, nach der ausgehend von einer Stichprobe die Bewertung eines gesamten Portfolios vorgenommen werden soll. Zum Anderen sind EU-weit unterschiedliche Definitionen von Begriffen wie non-performing loans ebenso zu berücksichtigen wie eine national unterschiedliche Abschreibungspraxis in Auslegung des IAS 39.

Die Diskussion möglicher Konsequenzen aus festgestellten Kapitallücken ist verfrüht. Interessant sind aber die alternativen Lösungsansätze: Neben zusätzlichem Kapital oder Garantien zählt hierzu beispielsweise auch die Verbriefung von Assets. Am wahrscheinlichsten erscheint uns die gezielte Auslagerung kritischer Assets in eine Bad Bank, verbunden mit einer Restrukturierung bzw. ggf. Abwicklung der betroffenen Bank. Wir werden dieses Thema unter dem Stichwort “Sanierungsplan” aufgreifen; aktuell arbeiten die 39 von der EBA aufgeforderten EU-Banken daran ihren nationalen Ausichtsbehörden entsprechende Pläne bis zum Jahresende 2013 vorlegen zu können. 

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Auszug aus dem Uniform Bank Performance Report (UBPR; Federal Financial Institutions Examination Council): Expert Model for Assessing Asset Quality 08-2013_AQR_Expert Model_UBPR

Asset quality is a critical part of your financial analysis of an institution because it directly impacts the evaluation of other components such as capital, earnings, and liquidity.  Asset quality often weighs heavily on conclusions regarding management and a bank’s overall condition.

This expert model provides guidance for completing two analyses for asset quality:

  • An off-site analysis of UBPR data, which involves three steps:
  1. Review the balance sheet structure
  2. Identify the types and levels of off-balance sheet items
  3. Analyze the levels and trends of key ratios
  • An on-site analysis, in conjunction with the examination team, to follow up on off-site concerns and review the bank’s assets for credit risk.  This includes analyzing three additional ratios that are computed once the asset review team determines adverse classifications. 

Laut BaFin und Bundesbank soll der Asset-Quality-Review  – auch Bilanztest genannt – bis Februar 2014 abgeschlossen sein. Im Anschluss ist ab Mai 2014 die Durchführung des Kapital-Stresstests geplant. Dieser Zeitplan gilt vorbehaltlich der im September geplanten Verabschiedung des Single Supervisory Mechanism (SSM) durch das Europäische Parlament. Zudem kann es aufgrund a) der Komplexität der Bilanz- und Stresstests sowie b) politischen Einflüssen zu Verzögerungen im Zeitplan kommen. Beispielsweise fordert Mario Draghi eine eindeutige Klärung, wer in welcher Form auf einen erkannten Kapitalbedarf reagiert, bevor die Test durchgeführt werden.

Unabhängig vom Zeitplan beeindruckt das Vorhaben an sich; es ist wohl die Komplexität der Sache und der hohe Einsatz der Beteiligten, der zur Mythenbildung beiträgt. Wir greifen drei zentrale Mythen heraus und beleuchten deren Hintergrund. Wie auch immer die Tests ausfallen. Die Durchführung wird einen hohen Aufwand verursachen.

Mythos 1: Auf Basis der Testergebnisse wird das europäische Bankensystem konsolidiert__Die Ergebnisse der Bilanz- und Stresstests werden in hohem Grade politisch motiviert sein. Auf der einen Seite hat die EZB ein grundlegendes Interesse daran strenge Tests durchzuführen, bevor Sie die Aufsichtskompetenz übernimmt: Je geringer der Konsolidierungseffekt für das europäische Finanzsystem aus dem Test ist, desto umfangreicher wird der Bedarf einer Fortführung der expansiven Geldpolitik sein, so Jon Peace (Analyst, Nomura Grou). Eine Fortführung genau dieser Politik liegt auf der anderen Seite aber im Interesse eines Großteils der einzelnen europäischen Staaten. Neben diesem politischen Kalkül ist unter anderem (noch) unklar, inwiefern einzelne Staaten auf bereits durchgeführte Bilanztests verweisen können. Beispielsweise ist die Prudent Regulation Authority (UK) zu dem Ergebnis gekommen, dass ausgerechnet die Lloyds Banking Group PLC und die Royal Bank of Scotland PLC keinen weiteren Kapitalbedarf haben; ein möglicher zusätzlicher Kapitalbedarf würde durch die Thesaurierung von Gewinnen und den Verkauf von Assets nivelliert werden.

Mythos 2: Die Commerzbank wird die Tests bestehen__Erste Spekulationen zur (gestressten) Kapitalausstattung der Commerzbank kursieren bereits. Demnach kommen Analysten auf Basis des Halbjahres-Finanzberichts zu dem Schluss, dass beide Tests mit hoher Wahrscheinlichkeit bestanden werden. Diese Aussage können wir Stand heute argumentativ nicht nachvollziehen. Wir sehen – wie im Beitrag vom 23.6.2013 aufgezeigt – die (wesentliche) Verdoppelung der Risikovorsorge im zweiten Quartal 2013 auf 547 Mio. EUR gegenüber Q1-Werten in Höhe von 267 Mio. EUR, als Indiz dafür, dass die Commerzbank mit Blick auf die kommenden Tests gezielt Maßnahmen ergreift und bisherige Klassifizierungen und Bewertungen von Assets hinterfragt. Dies geschieht sowohl im Kern- als auch im Abbau-Geschäft.

Mythos 3: Die Vereinheitlichung nationaler Regularien ist bereits soweit fortgeschritten, dass ein Vergleich der Ergebnisse möglich ist__Noch ist dies nicht der Fall. Non-Performing-Loans werden nach wie vor unterschiedlich definiert. Auch in Bezug auf die Regeln zur Risikovorsorge besteht noch Handlungsbedarf. So weist Giovanni Sabatini (Head of the Italian Bankers Association) mit Blick auf Spanien darauf hin, dass die italienischen Vorgaben zur Wertberichtigung nach wie vor wesentlich strenger sind: Nach italienischer Berechnung würde der Anteil wertberichtigter Loans an den gesamten Loans spanischer Banken von 8,5% auf 26% steigen. Auch die ESMA betont in einem Statement vom Dezember 2012 die Notwendigkeit einer Angleichung bzw. europaweit konsistenten Anwendung der Wertberichtigungsregeln nach IAS/IFRS. Dass der Spielraum für Ermessensentscheidungen mit der geplanten Einführung der IFRS9 steigen wird, sei hier nur am Rande erwähnt. Zu unserer Einschätzung dieses Teilgebiets der Rechnungslegung siehe auch den Artikel zur Kredit-Risikovorsorge.

Wir werden die weiteren Entwicklungen zum Bilanz- und Stresstest verfolgen. Stand heute wird vor allem deutlich, wie hoch der Einsatz der beteiligten Banken, Aufsichtsbehörden und Staaten ist, und wie sehr die Ausgestaltung der Tests vom politischen Kalkül abhängt. Der Auszug aus einer Rede von Andrea Enria (Chairperson EBA) gibt abschließend Aufschluss über die Bedeutung, die dem Bilanztest von Seiten der Aufsicht beigemessen wird: „We have not seen the same scale of aggressive writedowns and disposal of assets at deep discounts that have characterised other jurisdictions. Provisioning levels and risk weighted assets have not been reflecting the deterioration in the macroeconomic outlook and in the quality of bank assets. There is a raising concern that loan forbearance could disguise inadequate loss recognition. This is adversely affecting the market expectations for a recovery in bank profits and contributes to bank shares being still traded at a significant discount with respect to book values. Asset quality reviews have been conducted in a number of European countries, contributing to restoring market confidence in the effective cleaning of bank balance sheets. The EBA is empowering supervisors with the proper tools to assess the level of both non-performing exposures and forbearance activities on a comparable basis, developing truly harmonised definitions to be applied across the EU. An in-depth balance sheet review will have to accompany the handing over of supervisory responsibilities from the national to the European level. This represents a unique opportunity to complete the process, with an EU-wide asset quality review.“

Die Bedeutung, die dem Eigenkapital beigemessen wird, beruht auf einer einfachen Logik: Je höher die Eigenkapitalquote, desto unwahrscheinlicher wird eine Externalisierung von Verlusten, wie im Zuge der jüngsten Bankenkrise geschehen. Da die Qualität der Aktiva und das Exposure der Bank einen wesentlichen Einfluss auf die Art und den Umfang von Verlusten haben, berücksichtigt die Beurteilung einer institutsspezifisch adäquaten Eigenkapital- bzw. Verschuldungsquote daher sowohl das Geschäftsmodell als auch die Risikotragfähigkeit der betrachteten Bank.

Der Basler Ausschuss sieht eine pauschale Leverage Ratio von 3% Eigenkapital vor. Inwiefern diese Verschuldungsquote – 3% Eigenkapital entsprechen einer Verschuldung mit dem Faktor 33 – mit anderen Kennziffern harmoniert, ist Gegenstand einer Auswirkungsstudie, die bis September diesen Jahres abgeschlossen werden soll. Bereits Ende Juni 2013 hat der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht ein Konsultationspapier mit Vorschälgen zur Ausgestaltung der Leverage Ratio vorgelegt. Kernpunkt des Papiers ist die Nivellierung von Unterschieden in den Rechnungslegungsnormen US-GAAP und IFRS. Dadurch relativieren sich insbesondere auch die restriktiven Netting-Regeln nach IAS 32, die bei europäischen Banken mit hohen Derivatepositionen zu einer wesentlich höheren Verschuldungsquote führen, wie des bei den US-amerikanischen Peers der Fall ist.

Ein Blick auf die Banken zeigt, dass in den vergangenen 5 Jahren hauptsächlich auf Ebene der regulatorischen Kapitalquote optimiert wurde. Um die Mindestquote von 3% (risikoungewichteter) Kapitalquote zu erfüllen, sind weitere Anstrengungen erforderlich. Freilich weist keine deutsche Bank mehr – wie im Jahr 2008 der Fall – eine Verschuldungsquote von > 70 auf. Aktuell ist aber unter anderem die Deutsche Bank in der Diskussion: Zwar liegt die regulatorische  Tier-1-Kernkapitalquote per 30.12.2012 bei komfortablen 11,4% (ohne Hybridinstrumente), was nicht zuletzt auch eine Auswirkung der nicht Einrechnung von Risiken aus Staatsanleihen ist. Die von der Bank ermittelte Verschuldungsquote liegt auf Basis IFRS aber nach wie vor beim Faktor 37.

07-2013_dbfy2012_leverage_ratio

Damit liegt die Deutsche Bank – auch ohne Berücksichtigung der strengeren Ermittlung nach den Vorschlägen des Basler Ausschusses – über der regulatorischen Quote von 33. Wird anstatt dem ausgewiesenen Eigenkapital das Tier-1-Kernkapital nach aufsichtsrechtlichen Anpassungen verwendet, ändert sich der Verschuldungsfaktor; das Tier-1-Kernkapitals setzt sich wie folgt zusammen: Grundlage dieser Kapitalgröße ist das Stammkapital einschließlich der Kapitalrücklagen, der Gewinnrücklagen sowie sonstiger Ergebnisrücklagen. Abgezogen werden beispielsweise Firmenwerte und andere immateriellen Vermögenswerte. Kapital von Gesellschaften außerhalb der Institutsgruppe ist herauszurechnen. Zudem sind Eigenkapitaleffekte aus einer Veränderung des eigenen Kreditrisikos unter der Fair Value Option auf finanzielle Verbindlichkeiten zu eliminieren. Das so berechnetet Eigenkapital beträgt per 31.12.2012 lediglich 40 Mrd. EUR. Bei identischen (hier bilanzierten) Assets liegt die Verschuldungsquote damit beim Faktor 50. Die 3 Mrd. EUR aus der Kapitalerhöhung Ende April 2013 eingerechnet, beträgt der Hebel 47.

Die Änderungen der Bilanzstruktur, die auf die Deutsche Bank zukommen, sind enorm: Um die Mindestquote von 3% Eigenkapital zu erreichen, ist die Bilanzsumme nach Berechnungen von J.P. Morgen, um 409 Mrd. EUR bzw. 20% zu reduzieren. Große Teile des Abbaus, so Finanzvorstand Stefan Krause im Interview mit der Börsenzeitung, werden neben dem Liquiditätspolster auch das Derivategeschäft betreffen. Ein schneller Positionswechsel bzw. ein aktives (ökonomisches) Hedging im gekannten Umfang wird dann nicht mehr möglich sein. Selbst die aggregierten Zahlen – hier per 31.12.2012 – lassen erahnen, wie notwendig diese Anpassungen sind, aber auch wie tiefgreifend die Konsequenzen für das Geschäftsmodell der Deutschen Bank sein werden: Handelsaktiva in Höhe von 768 Mrd. EUR steht ein ökonomischer Kapitalbedarf aus Marktrisiken (Handelspositionen) von 4,7 Mrd. EUR gegenüber. In Relation zur Bilanzsumme liegt der Anteil der Handelsaktiva bei 38%. Der Anteil des Handelsergebnisses am operativen Ertrag (32 Mrd.) liegt mit 5,5 Mrd. EUR bei 17% vor Aufwendungen.

In der Gesamtschau wird deutlich, dass eine regulatorische Kernkapitalquote von < 20%  nur bedingt geeignet ist,  die angestrebte Neuordnung des europäischen Bankensystems voranzutreiben. Da leistet die Verschuldungsquote einen stärkeren Beitrag. Allerdings gilt auch, dass je enger der Regulierungsteppich geknüpft wird, die Berücksichtigung markt- und produktspezifischer Eigenheiten umso wichtiger wird. So wird eine Bank das Repo-Geschäft mit Blick auf Marge und Verschuldungsquote zwar kritisch sehen. Für den Austausch von kurzfristiger Liquidität ist dieses (besicherte) Refinanzierungsinstrument aber von zentraler Bedeutung für das Finanzsystem. Es ist an der Zeit, diese Abhängigkeiten stärker in den Fokus der Diskussion rund um neue regulatorische Anforderungen einzubringen. Mithin spricht dieser Punkt für eine risikogewichtete Kapitalquote.

Bevor die europäische Bankenaufsicht ihre Arbeit aufnimmt, gilt es Transparenz zu schaffen welche (Kredit-)Risiken in den Bilanzen der Banken liegen. Damit wird zum Einen die Grundlage für einen Bankenstresstest geschaffen, der auf realistischen Ausgangsdaten basiert. Zum anderen werden ggf. stille Lasten aufgedeckt. Diese Belastungen sind national zu tragen und fallen nicht unter die Haftungskaskade des europäischen Abwicklungsmechanismus. Im Fokus der Analyse, so Andrea Enria, Vorsitzender der EBA, steht die Qualität der Assets sowie die Entwicklung von Stundungsvereinbarungen. Dass Handlungsbedarf zur Prüfung besteht, hat unter anderem die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem jüngsten Jahresbericht festgestellt. Demnach „haben sich Wertminderungen von Assets noch immer nicht voll in der Bilanz niedergeschlagen“.

Der Bilanztest soll abgeschlossen werden, bevor die europäische Bankenaufsicht ihre Arbeit aufnimmt. Nach aktueller Zeitrechnung wird dies im 2. HJ 2014 der Fall sein, 12 Monate nach dem in Kraft treten der konstituierenden Single-Supervisory-Mechanism-Verordnung. Formal verankert ist der Bilanztest in Art. 27 der SSM-Verordnung.

Spanische Banken haben bereits im Jahr 2012 Erfahrungen mit einem solchen Bilanztest gemacht. Die Bilanzanalyse war eine der Auflagen des 100 Mrd. EUR schweren Rekapitalisierungsprogrammes. Mit dem nachfolgenden Stresstest wurde zusätzlicher Kapitalbedarf identifziert. In einem dritten Schritt wurden Restrukturierungs- und Abwicklungsmaßnahmen initiiert, wie beispielsweise die Auslagerung von Assets an eine Bad-Bank.

Es bleibt abzuwarten, in welchem Umfang die europäischen Banken aufgefordert werden Assets neu bewerten. Sofern eine Vorbereitung auf die kommende Bilanzanalyse erfolgt, haben beispielsweise neu beurteilte Stundungsvereinbarungen oder Non-Performing-Loans das Potenzial zusätzlichen Wertberichtigungsbedarf zu generieren.

Zur Analyse des spanischen Bankensektors, siehe 06-2013_AQR_Results of the Independent Evaluation of the Spanish Banking Sector