Hintergründe und Meinungen rund um die Bankenanalyse

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23. Juni 2013_Analyse des Liquiditätsrisikos: Einflussfaktor „erstklassige Assets“

Der Bedarf an erstklassigen Assets steigt. Ursächlich sind regulatorische Neuerungen wie die Liquidity Coverage Ratio oder die Besicherung derivativer Transaktionen. Zudem hat die besicherte Refinanzierung seit der Finanzkrise insbesondere bei europäischen Banken an Bedeutung gewonnen. Betroffen sind vor allem Banken, die ein Sovereign-Risiko niedrig gerateter Staaten auf der Bilanz haben. Laut einer Studie der Europäischen Wertpapieraufsicht ESMA beläuft sich der zusätzliche Bedarf an erstklassigen Assets auf bis zu 3,1 Billionen Euro. Wie sich der Bedarf an erstklassigen Assets tatsächlich entwickelt, hängt entscheidend von den Anpassungsmechanismen der Banken und weiterer Marktteilnehmer, bspw. Versicherungen, ab.

Entscheidend ist, dass die europäischen Banken von dem wachsenden Bedarf an erstklassigen Wertpapieren unterschiedlich betroffen sind, je nach Geschäftsmodell, Bilanz- und Refinanzierungsstruktur, um nur die wesentlichen Faktoren zu nennen. Im Folgenden werden Kennziffern aufgezeigt anhand denen der Bankenanalyst das Liquiditätsrisiko aus einem Engpass an erstklassigen Assets einschätzen kann.

Wie die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr feststellt, sind die erstklassigen Assets heterogen unter den Banken verteilt. Die beigefügte Grafik verdeutlicht die Bandbreite der Verteilung (06-2013_erstklassige Sicherheiten_Analyse):  Der linke Graph zeigt den Anteil der besicherten Refinanzierung an den Passiva. Der Median liegt bei 22,5%. Der Anteil besicherter Refinanzierung ist in einzelnen Fällen jedoch höher als 50%. Nach Aussagen von Marktteilnehmern handelt es sich um Banken, die ein hohes Sovereign-Exposure aufweisen. Ähnlich auch die Aussage des mittleren Graphen: Hier werden die als Sicherheit genutzten Aktiva ins Verhältnis zu den Assets gesetzt. Der Median liegt bei 28,5%. Vor allem Hypothekenbanken weisen eine höhere Encumbrance Ratio auf, was sich in der insgesamt eher langfristigen besicherten Refinanzierung dieser Banken widerspiegelt. Zählt man die Einlagen (deposits) zu der Secured Funding Ratio des linken Graphen hinzu, so wird ein Median von 69,5% ausgewiesen. Zwar sind Einlagen nicht durch Aktiva besichert. Da Einlagen im Insolvenzfall aber abgesichert sind, ist diese Quote für Investoren einer unbesicherten Refinanzierung von entscheidender Bedeutung.

Nicht nur die erstklassigen Assets sind heterogen verteilt. Auch der Anteil der besicherten Refinanzierung an den gesamten Passiva (Secured Funding Ratio) ist von Bank zu Bank unterschiedlich.

Von der ungleichen Verteilung werden künftig vor allem Banken betroffen sein, die über relativ wenig erstklassige Assets verfügen,  von denen marktbedingt gleichzeitig aber eine hohe Secured Funding Ratio gefordert wird. Diese Banken weisen einen besonders hohen zusätzlichen Bedarf an erstklassigen Assets auf. Auch systemrelevante Investment-Banken zählen dazu. Zwar kann der Engpass durch den Austausch von Sicherheiten, beispielsweise via Collateral Swap, geschlossen werden. Diese Maßnahmen kosten aber zusätzlich Marge. Zudem ist die damit einhergehende mehrfache Verwendung von Assets bzw. Sicherheiten in gestressten Märkten nicht unproblematisch. Dieses Risiko spiegelt sich in den Refinanzierungskosten betroffener Banken wider. Da der Zugang zu erstklassigen Assets aufgrund des Geschäftsmodells bislang begrenzt ist, sehen sich diese Banken mit der Herausforderung konfrontiert, das Geschäftsmodell und die  Bilanzstruktur anzupassen, ohne die Ertragskraft zu gefährden.

Der Zielkorridor hierbei ist denkbar eng: Erstklassige Sicherheiten sind eine der Voraussetzungen für eine kurzfristige besicherte Refinanzierung über Repo-Märkte. Der Bedarf wird mit den Zinsen steigen; Repo-Geschäfte werden spätestens mit einem steigenden Zinsniveau ein wichtiger Baustein der Bilanzstruktur- bzw. Zinsergebnissteuerung werden. Um über die erforderlichen Sicherheiten zu verfügen, können beispielsweise die oben genannten Collateral Swaps genutzt werden.

Mit anderen Worten: Der Markt bietet auch den Banken, die einen zusätzlichen Bedarf an erstklassigen Assets haben Möglichkeiten diese zu bekommen. Insofern ist aus dem erhöhten Bedarf an diesen Assets keine Neuordnung des Bankensystems zu erwarten.  Vielmehr handelt es sich bei der zunehmenden Fokussierung auf erstklassige Assets um einen Baustein, der, wie oben beschrieben, bei den einzelnen Banken zu unterschiedlich hohen Kosten führt. Betroffene Banken können diese Kosten mit Änderungen des Geschäftsmodells kompensieren. Eine Möglichkeit ist die Ausweitung von ertrags- und damit risikoreicheren Geschäftsaktivitäten. Letzteres widerspricht der Zielsetzung der G20-Staaten. Ob eine solche Entwicklung rechtzeitig erkannt und (regulatorisch) steuerbar wird, hängt entscheidend von der Qualität der Aufsicht systemrelevanter Banken ab.

Was aber ist im Fall gestresster Märkte von den oben als kritisch beschriebenen Banken zu erwarten? Grundsätzlich wird eine Neuordnung der Bankenlandschaft dann wahrscheinlicher. Fakt ist, dass ein hoher Anteil an besichertem Funding die Flexibilität in künftigen Stresssituationen einschränkt. Prozyklisch wirkt, dass der Bedarf an erstklassigen Assets in solchen Situationen zusätzlich ansteigt. Beispielsweise ist mit höheren Margin-Zahlungen zu rechnen. Im Krisenfall sind mit Bezug auf erstklassige Sicherheiten also zwei wesentliche Auswirkungen zu erwarten: Zum Einen wird die Beschaffung erstklassiger Sicherheiten schwieriger, im Extremfall – wie im Fall von Lehman Brothers – ist eine Anschlussfinanzierung am Markt nicht möglich. Zum Anderen ist ein wesentlicher Anstieg der Refinanzierungskosten betroffener Banken wahrscheinlich. Der Regulator adressiert das Risiko künftiger Stresssituationen unter dem Stichwort „too big to fail“ und „too complex to fail“. Ein wesentlicher Baustein ist die Ausgestaltung des Sanierungs- und Abwicklungsplans.

Wir empfehlen dem Bankenanalysten die oben beschriebenen Ratios in Verbindung mit der Fundingstruktur aktiv zu hinterfragen. Insbesondere auch deswegen, weil davon auszugehen ist, dass ein Teil der betroffenen Banken eine gute regulatorische (Kern-)Kapitalquote aufweisen wird.

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  • zur Neuordnung des Bankensektors siehe auch “Kolumne der Woche”, Beitrag vom 25.5.2013
  • zu den gesetzlichen und aufsichtlichen Vorgaben zur Sanierung und Abwicklung von Instituten siehe auch das Themenfeld “Regulatorik” (Veröffentlichung ist im Erscheinen)
  • eine aktuelle Übersicht zum Thema “erstklassige Assets” bietet die folgende Veröffentlichung. BIS: Asset encumbrance, financial Reform and the demand for collateral assets. CGFS Papers no. 49. May 2013.

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30. Mai 2013_Eigenkapitalquote erlaubt keine Aussage zur Bonität der Bank

Im vierten Quartal 2012 hat die Deutsche Bank ihre Eigenkapitalquote nach Basel III von 6% auf 8% erhöht. Kapitalseitig würde dies eine Erhöhung des anrechenbaren Eigenkapitals um nicht unwesentliche 8 Mrd. EUR bedeuten. Tatsächlich hat die Deutsche Bank die Bilanzrisiken, die unter dem Strich stehen, um 55 Mrd. EUR reduziert. Wesentliche Einschnitte im Risikoappetit sind daraus nicht zu erwarten: Nach Angaben der Bank resultiert die Hälfte der Einsparungen aus Änderungen der internen Risikomodelle.

Andere Banken nutzen einen ähnlichen diskretionären Spielraum bei der Schließung von Kapitallücken. Neben Anpassungen an den Risikomodellen gibt es weitere Einflussmöglichkeiten die ausgewiesenen Bilanzrisiken zu optimieren, ohne Risiken abzubauen. Eine Möglichkeit ist bspw. die Optimierung des ausstehenden Cash-Collaterals in bilateraler Absprache der Kontrahenten.

Entsprechend vorsichtig sollte der Bankenanalyst Rückschlüsse bzgl. der Stabilität einer Bank aus der Eigenkapitalquote ableiten. Zwar erlaubt die Nutzung interner Modelle für die regulatorische Meldung eine Berücksichtigung von Unterschieden im Geschäftsmodell. Um die Bonität einer Bank fundiert zu beurteilen, führt aber kein Weg an einer Analyse der Qualität der Aktiva und insbesondere der Beurteilung des VaR-Risikoexposures vorbei.

In Bezug auf die Analyse des Risikoexposures ist der Vergleich zwischen Banken aufgrund unterschiedlicher Haltperioden und Konfidenzintervalle erschwert. Um eine vergleichbare Aussage abzuleiten, sind in einem ersten Schritt die Daten auf eine Haltedauer von 10 Tagen und ein Konfidenzintervall von 99% zu kalibrieren. Als Näherungsfaktor von 1 auf 10 Tage wird mit dem Faktor 3, bei der Umrechnung von 95% auf 99% mit dem Faktor 1,5 multipliziert. Bei der Beurteilung sollten außerdem Diversifikationseffekte herausgerechnet werden, da diese im Fall systemischer Krisen nicht vorliegen. Um die Risikotragfähigkeit im Stressfall näherungsweise zu bestimmen, wird das Ergebnis mit dem Faktor 8 multipliziert. Dies entspricht einem 18-fachen Move der Standardabweichung. Solche Abweichungen der realen Werte von der Normalverteilung sind selten, aber nicht unwahrscheinlich. Bei LTCM lag der Move im Jahr 1998 bei 15, Goldman Sachs war im August 2007 von einem Move in Höhe von 25 betroffen.

Die Leverage Ratio bietet weder einen Anhaltspunkt für das Risikoexposure noch für die Stabilität der Bank. Analysen zeigen aber, dass Banken mit einer relativ hohen Leverage Ratio weniger von den Auswirkungen der Finanzkrise betroffen waren.

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