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Tag Archives: Abwicklung

Wie mit den Ergebnissen des Bilanz- und Kapitalstresstests umzugehen ist, benötigt noch die Abstimmung der europäischen Finanzminister. Voraussichtlich im Herbst diesen Jahres soll eine entsprechende Erklärung unterzeichnet werden.

Potenzielle Handlungsoptionen hatten wir bereits skizziert. Jetzt wird eine Weitere ins Spiel gebracht: die enge Integration des europäischen Finanzsektors. Dagegen wirken die bislang diskutierten Ansätze so unaufgeregt wie britischer „Afternoon Tea“.

Die supra-nationale Integration bedeutet, im Sprachduktus eines ranghohen EU-Vertreters, nichts anderes als “Kapital schnell von Norden nach Süden zu schieben“, konkret in der „Übernahme von spanischen oder italienischen Banken durch etwa deutsche oder österreichische Institute“. Wie realistisch dieses Szenario ist, liegt wohl entscheidend an der Zeitschiene, die einer solchen Integration zugrunde gelegt wird. Einen ersten Vorstoß plant die EU im Herbst: Derartige internationale Banken-Zusammenschlüsse sollen angesprochen werden, wenn die Finanzminister die oben genannte Erklärung diskutieren.

Der Zündstoff lieg in den Voraussetzungen einer solchen Integration. Die Wesentlichste ist sicherlich, dass diese erst dann realistisch erscheint, wenn die Stabilisierung nationaler Finanzsysteme erreicht ist. Dazu zählt, dass nationale Banken ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufweisen, was aktuell auch bei mitteleuropäischen Banken nicht durchgehend der Fall ist.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie schwerwiegend der Ausgang des Gefechts von Schäuble und Asmussen ist: Es geht nicht nur darum, wer formal die finale Entscheidung zur Abwicklung von Banken trifft: die EU oder der (betroffene) Mitgliedstaat. Materiell geht es um die Frage, ob die EU die Macht bekommt, das europäische Finanzsystem über nationale Interessen hinweg neu zu gestalten. Besondere Brisanz hat dabei aus deutscher Sicht die bekannt kritische Haltung der EU gegenüber dem 3-Säulensystem Privat-, Genossenschaftlicher und Öffentlicher Banken.

Bereits heute sind Mechanismen zur Abwicklung betroffener Banken aktiv bzw. in Arbeit, um weitreichende strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Beispielsweise können fortzuführende Geschäftstätigkeiten in eine sogenannte Brückenbank übertragen werden. Neben den bisherigen Eigentümern ist es dann – unabhängig von der bisherigen Rechtsform – auch weiteren Eigentümer möglich einzusteigen. Wer auch immer das Gefecht für sich entscheidet, die EU oder die Mitgliedstaaten. Die Zukunft des europäischen Finanzsystems und damit auch des Wirtschafts- und Währungsraums wird entscheidend davon geprägt sein.

Vor 5 Jahren, am 15. September 2008, beantragt Lehman Brothers Holdings den Insolvenzschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Die Insolvenzmasse beläuft sich auf 639 Mrd. Dollar. An den internationalen Finanzmärkten wird eine Schockwelle ausgelöst. Lehman ist über die Finanzmärkte weltweit vernetzt. Sowohl in den USA wie auch in Europa bricht der Geldmarkt, die kurzfristige Refinanzierungsquelle der Banken, zusammen: Geldmarktfonds, also Teile des Schattenbankensektors, stoppen den Ankauf bspw. von Commercial Papers, die von Banken bzw. Conduits zur Refinanzierung begeben wurden. Notenbanken springen ein und sichern die Refinanzierung der betroffenen Banken, bspw. werden die Anforderungen an Sicherheiten gesenkt.

Bis heute, 5 Jahre später, ist viel passiert. Kritisch sehen wir die nach wie vor unzureichende Regulierung der mit den regulierten Banken vernetzten Schattenbanken. Folgend eine Skizze zum Regulierungsstand zentraler Elemente des europäischen Finanzsystems; die Gefahr liegt im Schattenbankensektor:

Die Finanzmärkte: Es gibt Initiativen, die Transparenz der Derivate und Repo-Märkten zu verbessern. Der Verbriefungsmarkt soll in abgewandelter Form wieder belebt werden, um die Kreditversorgung zu sichern (siehe auch “Schattenbanken”).

Die Banken: Mit den Regelwerken CRR/ CRD IV werden unter anderem höhere Eigenkapitalstandards eingeführt. Um diese zu erfüllen werden Assets veräußert, in Konsequenz stagniert die Kreditvergabe.

Der Wettbewerb: Die EU-Kommission prüft Beihilfeverfahren, mit denen Banken gestützt werden. Solche Unterstützungsmaßnahmen sind an Auflagen zur Restrukturierung gebunden, um potenziellen Wettbewerbsvorteilen gegenzuwirken. Während Banken freiwillig oder durch die EU diktiert ihr Geschäftsmodell bzw. ihre Bilanzen den neuen Anforderungen der Märkte und Regularien anpassen, drängen Versicherungen und Fonds in das Kerngeschäft der Banken, die Kreditvergabe an Unternehmen, vor. Zudem profitieren Schattenbanken davon, dass sich die großen Banken auch aus dem Risiko-Markt mit Hedge Fonds zurückziehen. „Es gibt Geschäfte aufgrund der Kapitalregulierung, denen wir nicht nachgehen können”, so Stefan Krause, Finanzchef der Deutschen Bank.

Die Staaten:  Europäische Staaten nehmen aufgrund der (natürlichen) Verflechtung von Banken mit der makroökonomischen Entwicklung weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die Bonität der Banken. Trotz politischer Anstrengungen und einer expansiven Geldpolitik bleibt die wirtschaftliche Entwicklung vieler Staaten hinter den Erwartungen zurück. Das prägnanteste Beispiel ist Griechenland.

Die Systemgefährdung: Neu ist – neben dem Single Supervisory Mechanism – die Vorgabe einheitlicher Abwicklungsregeln für Banken mit Sitzland im europäischen Währungsraum, um künftige Belastungen des Steuerzahlers aus dem Bail-Out von Banken, die “too big to fail” sind, zu vermeiden. Viele dieser Abwicklungsmechanismen existierten (in Deutschland) bereits in ähnlicher Form. Neu ist insbesondere der Aufbau einer europäischen Abwicklungsbehörde, ausgestattet mit Weisungsrechten gegenüber Mitgliedstaaten. Dies soll eine beschleunigte Abwicklung – im Sinne einer Restrukturierung – ermöglichen.

Die Schattenbanken: „Die regulierende Haltung in den USA und Europa ist eindeutig“, so Roy Smith, Finanzprofessor an der New York University’s School of Buisness und ehemaliger Goldman Sachs Mitarbeiter. Man wolle „das Risiko auf das Schattenbanken-System verlagern“. Die großen Banken werden somit dazu gezwungen, ihr Risikogeschäft auszulagern. Hedge Fonds, so Stefan Krause, würden nach der Krise am meisten von den neuen Regeln „profitieren“. Viele deutet darauf hin, dass die Regulierung von Schattenbanken auch künftig weniger streng sein wird, als die Vorgaben regulierter Banken. In Konsequenz bleibt zum Einen der Wettbewerbsvorteil gegenüber regulierten Banken bestehen. Zum Anderen ist zu erwarten, dass Banken mit neuen Instrumenten oder der (weiteren) Auslagerung von Geschäftsaktivitäten auf den Schattenbankensektor auf die geschwächte Wettbewerbssituation reagieren. Die systemkritische Vernetzung dieser beiden Säulen des Finanzsystems bleibt somit erhalten. Ebenso bleibt die Gefahr idiosynkratischer Krisen, ausgelöst durch Intransparenz bzw. Vertrauensverluste und daraus resultierenden Liquiditätsverwerfungen im Schattenbankensektor.

Es ist kaum möglich, die Gesamtheit der Regulierungsmaßnahmen zu überblicken und die inhärenten Anreizmechanismen zu identifizieren. Genau diese werden aber die Ursache künftiger Krisen sein; der zunehmende Eintritt von Schattenbanken in die Kernmärkte regulierter Banken ist da sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Gibt es Alternativen zu dieser – in Teilen sicherlich notwendigen und überfälligen – Regulierungswut des regulierten Bankensektors? Wir glauben, dass Bankensysteme, die sich in der Krise als stabil erwiesen haben, ein gutes Vorbild abgeben – als wesentliche Stützen seien hier die Einlagensicherung, der verbundsinterne Liquiditätsaustausch und Haftungsfonds sowie die Transparenz des Geschäftsmodells genannt. Ja richtig – all das sind auch Themen der Regulierung auf europäischer Ebene. Es wird aber verkannt, dass das europäische Finanzsystem – bspw. durch die Schattenbanken – wesentlich komplexer ist, als nationale Teil-Systeme. Fünf Jahre nach Lehman kommen wir zu der Einschätzung: lessons not yet learned. Aber: Ein erster kleiner Schritt wurde im September 2013 gemacht: “We have regulated banks and markets comprehensively. We now need to address the risks posed by the shadow banking system”, so der Binnenmarktkommissar Barnier.

Die EU-Kommission hat eine weitere Krisenmitteilung veröffentlicht: “Über die Anwendung der Vorschriften für staatliche Beihilfen ab dem 1. August 2013 auf Maßnahmen zur Stützung von Banken im Kontext der Finanzkrise (Bankenmitteilung)”. Darin wird zwischen Umstrukturierungsbeihilfen und Abwickungsbeihilfen unterschieden. Es werden Rollen und Pflichten definiert, die im Falle einer Kapitallücke von den betroffenen Banken und nationalen Aufsichtsbehörden einzuhalten sind.

Im Wesentlichen wird klargestellt, dass eine staatliche Beihilfe erst dann – unter bestimmten Voraussetzungen – genehmigt werden kann, wenn “Eigenkapital, Hybridkapital und nachrangige Schuldtitel vollumfänglich zum Ausgleich der Verluste eingesetzt worden sind (Tz. 44).

Als “Kapitallücke” – auch mit Blick auf das Comprehensive Assessment (AQR und Kapital-Stresstest) relevant – wird ein Kapitalbedarf bezeichnet, “der im Rahmen einer Kapitalbedarfserhebung, eines Stresstests, einer Überprüfung der Qualität der Bankenaktiva  (…) festgestellt und gegebenenfalls von der zuständigen Aufsichtsbehörde  bestätigt wurde”.

Folgend ein Auszug aus der Mitteilung: Für eine nach Umsetzung des Kapitalbeschaffungsplans verbleibende Kapitallücke, die mittels einer staatlichen Beihilfe gedeckt werden soll, muss ein Umstrukturierungsplan vorgelegt werden (Tz. 30). Staatliche Beihilfen dürfen erst dann gewährt werden, wenn Eigenkapital, Hybridkapital und nachrangige Schuldtitel vollumfänglich zum Ausgleich der Verluste eingesetzt worden sind (Tz. 44). Die Kommission erkennt an, dass es aufgrund der Besonderheiten von Kreditinstituten und in Ermangelung von Mechanismen, die die Abwicklung von Kreditinstituten ohne eine Gefährdung der Finanzstabilität ermöglichen, unter Umständen nicht möglich ist, ein Kreditinstitut im Rahmen eines geordneten Insolvenzverfahrens abzuwickeln. Aus diesem Grund könnten staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der Abwicklung insolventer Kreditinstitute als mit dem Binnenmarkt vereinbare Beihilfe erachtet werden, sofern die unter Randnummer 44 dargelegten Voraussetzung erfüllt ist (Tz. 66). Das Ziel der geordneten Abwicklung muss darin bestehen, dass das insolvente Kreditinstituts innerhalb eines besimmten Zeitraums seine Geschäftstätigkeit einstellt. Dies bedeutet, dass kein Neugeschäft mit Dritten aufgenommen werden darf (Tz. 67).

Deutsche Kreditinstitute sind aufgefordert, der BaFin bis zum 31.12.2013 Sanierungspläne vorzulegen. Abwicklungspläne werden von der BaFin in Abstimmung mit den Banken erstellt.

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“Krisenmitteilungen” definieren das koordinierte Vorgehen zur Unterstützung des Finanzsektors mit dem Ziel, für Finanzstabilität zu sorgen und gleichzeitig Wettbewerbsverzerrungen im Binnenmarkt zwischen den Banken in den Mitgliedstaaten so gering wie möglich zu halten. 

Die von den Aufsichtsbehörden geplante Comprehensive Assessment setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Einem Bilanztest inkl. einer Asset Quality Review sowie einem darauf aufbauenden Stresstest. In Frage steht, nach welcher Methode die Analyse vorgenommen wird.

Die Methodik des Bilanztests 2013/2014 ist aktuell noch in Abstimmung zwischen der Aufsicht, Wirtschaftsprüfern und den beteiligten Banken. Bekannt ist aber bereits eine mögliche Ausprägung des Tests, da in der Vergangenheit bereits Comprehensive Assessments durchgeführt wurden. Ein prominentes Beispiel ist die im Jahr 2012 von dem Beratungsunternehmen Oliver Wymann (OW) im Auftrag der Spanischen Notenbank durchgeführten Analyse. Wir nehmen keine Beurteilung dieses Tests oder der zugrunde liegenden Annahmen vor. Vielmehr nutzen wir diese Daten, um eine der Methoden, nach der auch der kommende EU-weite Bilanztests 2013/2014 durchgeführt werden könnte, zu skizzieren.

Im ersten Teil des Comprehensive Assessments zielt die Spanische Notenbank auf die Neubewertung von Assets ausgewählter Portfolien. Im Zuge dieser Neubewertung werden bankspezifische Einschätzungen korrigiert. Es wird eine standardisierte Schätzung künftiger Verluste vorgenommen; dabei werden drei Module unterschieden:

  1. Abwicklungsfälle aufgrund ausgefallener Schuldner
  2. Laufende Engagements (performing loans)
  3. Notleidende Kredite (non-performing loans: wertberichtigte Kredite und in Zahlungsverzug geratene Kredite; Definition BaFin)

Um die (standardisierten) künftigen Verluste zu ermitteln, werden Änderungen bei den drei Komponenten PD (probability of default), LGD (loss given default) und EaD (exposure at default) vorgenommen. Die zugehörigen Bearbeitungsschritte gelten sowohl für laufende Engagements wie auch für notleidende Kredite. Bei Letzteren wurde in Bezug auf eine mögliche Gesundung zusätzlich konservativere Annahmen zugrunde gelegt, als von den Banken ursprünglich angenommen.

Im Folgenden werden die Bearbeitungsschritte für das Modul laufende Engagements skizziert:

Standardisierung der PD: Für jedes der sechs analysierten Portfolien (corporates, retail mortgages ect.) wurde ein Ratingmodell entworfen, um die bankspezifischen Daten einzuwerten. Um gleichzeitig bankspezifische Besonderheiten bzw. Risikofaktoren zu berücksichtigen, werden die PD’s entsprechend angepasst. Grundlage hierfür sind Daten, die von Wirtschaftsprüfern bereitgestellt werden. In einem weiteren Bearbeitungsschritt werden die PD’s auf ein standardisiertes makroökonomisches Szenario in der Ausprägung “base case” und “adverse scenario” gemappt.

Standardisierung der LGD: Auf Basis der makroökonomischen Szenarien bzw. der daraus abgeleiteten PD’s wird der LGD adjustiert; im Fall spanischer Banken stieg der LGD.

Standardisierung des EaD: Bei der Ermittlung des EaD werden unter anderem Tilgungsprofile, vorzeitige Rückzahlungen sowie mögliche neue Kreditengagements berücksichtigt.

Ausgehend von den Ergebnissen des Bilanztests ermittelt die Spanische Notenbank in einem zweiten Schritt, ob einzelne Banken eine Kapitallücke aufweisen. Hierzu werden die künftigen Verluste der künftigen Verlustabsorptionsmasse (u.a. Eigenkapital) gegenübergestellt.

Mit Blick auf das EU-weite Comprehensive Assessment wird deutlich: Der Umfang in dem Banken sensible Daten zur Verfügung stellen müssen, ist enorm. Diese Daten sind zu validieren, zu verarbeiten und auszuwerten. Um eine adäquate Qualität der Analysen sicherzustellen, stehen die Beteiligten, insbesondere die EU-Aufsichtsbehörden, vor weiteren Herausforderungen: Zum Einen gilt es eine Vielzahl von Detailfragen zu klären, bspw. zu der Methode, nach der ausgehend von einer Stichprobe die Bewertung eines gesamten Portfolios vorgenommen werden soll. Zum Anderen sind EU-weit unterschiedliche Definitionen von Begriffen wie non-performing loans ebenso zu berücksichtigen wie eine national unterschiedliche Abschreibungspraxis in Auslegung des IAS 39.

Die Diskussion möglicher Konsequenzen aus festgestellten Kapitallücken ist verfrüht. Interessant sind aber die alternativen Lösungsansätze: Neben zusätzlichem Kapital oder Garantien zählt hierzu beispielsweise auch die Verbriefung von Assets. Am wahrscheinlichsten erscheint uns die gezielte Auslagerung kritischer Assets in eine Bad Bank, verbunden mit einer Restrukturierung bzw. ggf. Abwicklung der betroffenen Bank. Wir werden dieses Thema unter dem Stichwort “Sanierungsplan” aufgreifen; aktuell arbeiten die 39 von der EBA aufgeforderten EU-Banken daran ihren nationalen Ausichtsbehörden entsprechende Pläne bis zum Jahresende 2013 vorlegen zu können. 

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Auszug aus dem Uniform Bank Performance Report (UBPR; Federal Financial Institutions Examination Council): Expert Model for Assessing Asset Quality 08-2013_AQR_Expert Model_UBPR

Asset quality is a critical part of your financial analysis of an institution because it directly impacts the evaluation of other components such as capital, earnings, and liquidity.  Asset quality often weighs heavily on conclusions regarding management and a bank’s overall condition.

This expert model provides guidance for completing two analyses for asset quality:

  • An off-site analysis of UBPR data, which involves three steps:
  1. Review the balance sheet structure
  2. Identify the types and levels of off-balance sheet items
  3. Analyze the levels and trends of key ratios
  • An on-site analysis, in conjunction with the examination team, to follow up on off-site concerns and review the bank’s assets for credit risk.  This includes analyzing three additional ratios that are computed once the asset review team determines adverse classifications. 

Aktuell wird ein Insolvenzverfahren, speziell für Banken, auf europäischer Ebene institutionalisiert. Eines der wesentlichen Elemente des sogenannten EU-Resolution-Regime ist der Mechanismus, mit dem Eigen- und Fremdkapitalgeber künftig für Verluste der Bank haften (Bail-In).

Noch sind wesentliche Punkte im Verlauf der weiteren Verhandlungen des EU-Parlaments zu klären. Insbesondere ist noch nicht final geklärt, in welchem Umfang Banken künftig Bail-In-fähiges Eigen- und Fremdkapital vorhalten müssen. Zunächst soll diese für die Refinanzierungsstruktur der Banken nicht unwesentliche Frage von den nationalen Abwicklungsbehörden beantwortet werden. Die Grundlage bilden bankspezifische Kriterien wie Größe, Geschäftsmodell oder das mit dem Geschäft verbundene Risiko. 2016 ist eine harmonisierte Regelung durch die EBA vorgesehen.

Was bedeutet dies für die Refinanzierung der Banken?

Stand heute sind künftig neben den Eigentümern bzw. Aktionären insbesondere Investoren in unbesicherte Bankanleihen von den Verlusten betroffen, sei es in Form einer Umwandlung von Forderungen an die Bank in Eigenkapitalanteile (Debt-to-Equity-Swap) oder in Form eines Forderungsverzichts. In Konsequenz sind höhere Refinanzierungskosten zu erwarten: Beispielsweise beurteilt die Ratingagentur Moody’s die Regelung als “credit negativ”, da diskretionäre Ausprägungen der Bail-In-Regeln eine Beurteilung des Risikos für die Investoren erschweren. Die Investoren in unbesicherte Bankanleihen wiederum werden für ihre Haftung entsprechende Risikoaufschläge einfordern.

Besicherte Bankanleihen wie beispielsweise Repogeschäfte oder Covered Bonds sind nach dem aktuellen Stand der Diskussion grundsätzlich von der Haftungskaskade ausgenommen. Lediglich der Teil ausstehender Covered Bonds, der den Cover Pool übersteigt, ist Bail-In-fähig. Allerdings haben die Mitgliedstaaten die Möglichkeit auch diese Teile vom Bali-In auszuschließen, sofern die Papiere unter die Definition nach Artikel 52(4) der Richtlinie 2009/65/EU fallen. Covered Bonds werden damit nicht nur in Bezug auf die Aktivseite der Bankbilanz – die Papiere qualifizieren als Liquiditätspuffer und unterliegen ermäßigten Risikogewichten – sondern im Vergleich zu ungesicherten Bankanleihen auch als Refinanzierungsinstrument aufgewertet.

Entscheidend für die weitere Diskussion wird sein, inwiefern der Regulator von einer starren Verlustquote abweicht, die von den Aktionären und Gläubigern zu tragen wäre. Je nach Geschäftsmodell und Refinanzierungsstruktur könnten hierunter auch besicherte Bankenanleihen fallen. Die Zeichen deuten allerdings in eine andere Richtung: Nach Vorstellung des ECOFIN soll der Mindestpuffer bankindividuell definiert werden. Zudem haben nationale Abwicklungsbehörden den Freiraum die Haftungskaskade zu durchbrechen und bestimmte Refinanzierungsinstrumente von der Haftungsmasse auszuschließen, sofern der Mindestpuffer erreicht ist.

In den USA werden ähnliche Diskussionen geführt: Dort hat die FED am gestrigen Dienstag für systemrelevante Banken zwar die Grundzüge von Basel III beschlossen. Gleichzeitig sehen verschärfte Regulierungsansätze aber vor, dass diese Banken künftig eine Eigenkapitalquote in Höhe von bis 6% sowie 8% langfristige Verbindlichkeiten vorhalten. Im Insolvenzfall haften diese Instrumente, wie oben beschrieben. Dies würde einen direkten Eingriff in die Refinanzierungsstruktur von Banken bedeuten, die diese Auflagen bislang nicht erfüllen; aus der Erfahrung heraus ist damit zu rechnen, dass die strengen Vorgaben durch individuelle Ausnahmen “geglättet” werden.

In der Gesamtschau wird das Potenzial der Abwicklungs-Regime deutlich: Regulator und Aufsicht haben künftig die Möglichkeit unmittelbar und auch bei solventen Banken erheblichen Einfluss auf die Refinanzierungsstruktur zu nehmen. Trotz nationaler Wahlrechte verbirgt sich hinter dem Richtlinien-Entwurf ein weitreichender Eingriffs- und Gestaltungsspielraum der europäischen Aufsicht in Bezug auf die Größe, das Geschäftsmodell und die damit verbundenen Risiken. Ob unterschiedliche Geschäftsmodelle und bewährte Refinanzierungsstrukturen adäquat berücksichtigt werden, bleibt abzuwarten.