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Tag Archives: Bank Supervisory

Als Reaktion auf die massiven Verluste der Banken in den Jahren 2008 und 2009 haben die Standardsetter IASB und FASB von den G20-Staaten im Jahr 2009 den Auftrag erhalten, die Bilanzierung der (Kredit-)Risikovorsorge neu zu gestalten. Bis zum 5. Juli 2013 konnte der Standardentwurf IFRS 9 Impairment kommentiert werden. Demnach wird die Risikovorsorge künftig auf Basis erwarteter Kreditverluste, dem expected credit loss model folgend, berechnet. Weiterführende Informationen zum Standardentwurf ED/2013/3 finden Sie anbei.

Folgend werden ausgewählte Thesen rund um die Risikovorsorge diskutiert. Darauf aufbauend schließt der Beitrag mit Empfehlungen zur Konzeption der Risikovorsorge.

Mehr Transparenz zu den Ausfallrisiken ist gut für die Finanzstabilität: Mit der frühzeitigen Erfassung potenzieller Verluste soll die Transparenz von Ausfallrisiken aus dem Kreditgeschäft erhöht werden, so Hans Hoogervorst, Chairman des IASB. Zweifellos ist die ausreichend detaillierte Transparenz der tatsächlichen Vermögens-, Finanz- und Ertragslage wichtig. Beispielsweise erlauben Detailangaben zu Konzentrationsrisiken in Branchen oder geographischen Regionen den Investoren eine realistischere Einschätzung der Finanz- und Ertragskraft der Bank. Das grundlegende Problem im Zuge der Bankenkrise war aber nicht die mangelnde Transparenz sondern a) der diskretionäre Spielraum bei der Bildung der Risikovorsorge, b) der massive Umfang des Wertberichtigungsbedarfs im Jahr 2009 in Relation zum Eigenkapital sowie c) die Prozyklität der Regelwerke.

Das expected credit loss model erhöht die Transparenz: In der bilanztheoretischen Argumentation gilt die These, dass die (zeitnahe) Fair-Value-Bewertung geglätteten Bilanzgrößen in Bezug auf den Informationsgehalt überlegen ist. Insofern liegt das expected credit loss model mit der frühzeitigen Einbuchung erwarteter Kreditverluste im Trend. Wir geben allerdings zu bedenken, dass diese These sich relativiert, je höher der diskretionäre Spielraum des Bilanzierenden bei der Bewertung ist: Entscheidungsrelevante Information kann nicht durch den (standardisierten) Ausweis und die Erläuterung weiterer Details produziert werden, solange der Bilanzierende einen undurchschaubaren diskretionären Gestaltungsspielraum hat. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Level-III-Bewertung nach IAS 39.  Mit dem expected credit loss model wird der bilanzpolitische Spielraum bei der Einstellung der Risikovorsorge steigen, da trennscharfe Kriterien als Maßgabe für die Einstellung einer Risikovorsorge, entweder gewichtet mit der 12-Monats-Ausfallwahrscheinlichkeit oder mit dem über die Gesamtlaufzeit erwarteten Kreditverlust, nicht operationalisierbar sind.

Der negative Einfluss, den ein punktueller oder längerfristiger massiver Wertberichtigungsbedarf auf das Eigenkapital nimmt, kann durch eine frühzeitige Erfassung potenzieller Verluste abgefangen werden: In gewissem Maße mag diese These zutreffen. Maßgeblich ist allerdings das Ausmaß der Krise. Beispielsweise hat die Commerzbank im Jahr 2007 mit 479 Mio. EUR für eingetretene Verluste vorgesorgt. Per 31.12.2009 ist die Risikovorsorge dann auf 4,2 Mrd. EUR explodiert. Das sind 21% des bilanziellen Eigenkapitals, Stand 31.12.2008. Um die drohende Insolvenz abzuwenden, hat (hauptsächlich) der SoFFin im Jahr 2009 in Stille Einlagen + 9 Mrd. EUR sowie in das gezeichnete Kapital +1,2 Mrd. investiert. Analysen zeigen, dass Kreditausfälle im Wesentlichen durch die makroökonomische Entwicklung determiniert werden. Wie relativ die Bildung einer bilanziellen Vorsorge bei einer längeren Schrumpfung der Wirtschaft zu werten ist, zeigt das Beispiel spanischer Banken. Diese wenden bei der Risikovorsorge für Immobilienkredite eigene, nicht die IAS/IFRS-Regeln an und erreichen damit eine Glättung von Kreditverlusten sowohl ex ante als auch ex post, nach dem Eintritt der Verluste. Auf diese Weise hatten spanische Banken im Jahr 2006 (ex ante) ein Sicherheitspolster von mehr als dem Doppelten der damals ausgewiesenen Risikovorsorge aufgebaut. Aber dieses Polster wurde in den folgenden Jahren nicht nur aufgebraucht. Analysen der spanischen Notenbank zufolge wurden bis 2012 nur 50% der geschätzt 176 Mrd. EUR Wertberichtigungsbedarf aus problematischen Immobilienkrediten als Risikovorsorge eingestellt.

Mit dem expected credit loss model wird der prozyklische Einfluss von Kreditverlusten auf aufsichtsrechtliche Steuerungsgrößen reduziert: Ausgehend vom Ergebnis der vorherigen These interessiert hier das Zusammenspiel steuerungsrelevanter Vorgaben in Zeiten in denen das Eigenkapital gestresst ist. Wie im Zuge der Bankenkrise 2008/2009 deutlich wurde, erhöht die prozyklische Wirkung unterschiedlicher Regelwerke im Krisenfall das Insolvenzrisiko. Damals hat sich die Stimmung an den Kreditmärkten innerhalb kurzer Zeit wesentlich verschlechtert. In Konsequenz waren die Banken nach MaRisk und Basel II/SolvV gefordert, vermehrt Eigenkapital für erwartete und unerwartete Verluste vorzuhalten. Gleichzeitig ist das verfügbare Eigenkapital aufgrund massiver Verluste – unter anderem wegen einer sprunghaft steigenden Risikovorsorge – weggeschmolzen. Die mögliche Gegenmaßnahme Assets am Markt zu verkaufen, war aufgrund der niedrigen Preise sowie der Marktenge nicht zeitnah umsetzbar. Um diesen Zirkelschluss aufzulösen ohne die insolventen Banken abzuwickeln, wurden und werden die europäischen Banken mit Eigenkapitaleinlagen und Garantien gestützt. Als möglichen Ansatz der Problemoptimierung empfehlen wir eine integrierte Steuerung ausgewählter aufsichtsrechtlicher und bilanzieller Größen durch eine europäische Institution. Als maßgebliche Größe sehen wir die Gewinn- und Kapitalrücklagen einer Bank in Verbindung mit der Ertragskraft, da diese Größe den Nukleus der Banksteuerung bildet. Wir kommen hierauf zurück.

Hinter den Maßnahmen und Regeln des IASB und des Basler Ausschusses steht eine abgestimmte Steuerungslogik, die determiniert, welche bankspezifische Steuerungsgröße durch welche Vorgabe gesteuert werden soll:  Eine solche Abstimmung fehlt bis heute. Aber die damit verbundene Problematik ist bekannt. Auf dem Eurobörsentag im Juli 2013 wurde denn auch eine zusammenführende Auswirkungsstudie der Vorgaben empfohlen. Bezogen auf die Risikovorsorge gibt es mehrere regulatorische Initiativen, die darauf abzielen, die Stabilität der Banken zu erhöhen. Sicherlich den maßgeblichsten Einfluss hat die Forderung des Basler Ausschusses nach strengeren Eigenkapitalvorschriften. Dieser Zweig der Regulatorik zielt darauf ab, die letztlich entscheidende Engpassressource “Eigenkapital” bzw. die Absorptionsfähigkeit unerwarteter Verluste zu erhöhen. Zudem zielt der antizyklische Kapitalpuffer darauf ab, die möglichen prozyklischen Wirkungen der bankaufsichtlichen Eigenkapitalanforderungen abzumildern. Die normgebenden Institutionen, hier das IASB und der Baseler Ausschuss, gehen die Problematik also von zwei Seiten an. Dagegen kann nichts eingewendet werden. Es ist aber an der Zeit kritisch zu prüfen, ob die im Jahr 2009 unter Druck von den G20-Staaten an die normgebenden Institutionen vergebenen Aufträge zieladäquat verzahnt sind, oder ob nicht, wie im Fall des expected credit loss Models, offensichtliche Nachteile durch geeignetere Maßnahmen aufgefangen werden können. Das konzeptionelle Entwurfsstadium des ED/2013/3 bietet dazu beste Ansatzmöglichkeiten.

Die Diskussion der Thesen zeigt, dass das expected credit loss model des IASB durchaus geeignet ist einen Puffer an Risikovorsorge aufzubauen, der in schlechten Zeiten genutzt werden kann. Damit wird eine Entlastung des Eigenkapitals bei einer Verschlechterung der Realwirtschaft erreicht. Allerdings wird die Wirkung dieses antizyklischen Momentums wesentlich vom Ausmaß der realwirtschaftlichen Krise determiniert. Zudem korreliert die erhöhte Risikovorsorge negativ mit dem regulatorischen und bilanziellen Eigenkapital. Die Mehrzahl der Banken geht von einem bis zu 10% erhöhten Bedarf aufgrund der IFRS-9-Regeln aus. 65% davon werden den Impairmentregeln zugeschrieben. Kritisch merken wir insbesondere an, dass eine adäquate Kapitalausstattung nicht durch die Rechnungslegung – hier sollte der Schwerpunkt auf objektivierten und gut interpretierbaren Daten liegen – sondern durch die Eigenkapitalvorschriften des Baseler Ausschusses reguliert werden sollte. Dies umso mehr, als das expected credit loss model des IASB einen umfangreichen diskretionären Gestaltungsspielraum für den Bilanzierenden bietet. In Konsequenz leidet auch der Informationsgehalt der Größe “Eigenkapital”. Hier leistet das Modell des FASB insofern mehr, als dass keine 12-Monats-Gewichtung der erwarteten Kreditverluste, sondern ausschließlich die (abgezinste) Erfassung der über die gesamte Laufzeit erwarteten Verluste gefordert wird. In der Gesamtschau empfehlen wir die Vorzüge des incurred loss model zu nutzen und dieses Modell um eine aufsichtsrechtliche Steuerungsgröße zu ergänzen. In Frage kommen beispielsweise die Loan-Coverage-Ratio (Risikovorsorge/NPL) und die NPL-Ratio (NPL/Core-Tier-1). Zur makroökonomischen Steuerung kann die nationale Aufsicht Mindestgrößen in Abhängigkeit der konjunkturellen Entwicklung vorgeben. Dies würde – bezogen auf die Kreditrisiken – eine Feinsteuerung des antizyklischen Kapitalpuffers bzw. der in Krisen letztlich entscheidenden unerwarteten Verlusten erlauben. Dass dies notwendig ist, zeigt u.a. die Bandbreite von NPL/Total Loans: In Deutschland liegt die Quote im Jahr 2012 bei 3,0%., in Italien bei 11,7%. Die Gefahr von Regulierungsarbitrage stufen wir als gering ein, sofern eine europäische Institution die integrierte Steuerung von Eigenkapital- und Kreditexposure-Größen durchsetzt. Mit der Offenlegung der FinRep- und CoRep-Meldung liegen die benötigten Informationen ab Mitte 2014 vor.